#1 Chancen sehen, Chancen nutzen

Wir haben Anfang August, vor sechs Wochen war die Welt noch in Ordnung. Es ist Sommer in der Stadt…ich liebe München, die Isar, die Biergärten, den blauen Himmel, die bayerische Gemütlichkeit, das Westend, wo ich lebe.

Nun soll ich Chancen sehen in der Aufgabe, die mir gestellt wurde. Chancen nutzen - für die Reise zu mir selbst. Kurz nach der Diagnose habe ich mich bei einer Meisterin für Qi Gong gemeldet. Die Meisterin bietet verschiedene Coachings für diverse Lebenssituationen an. Ich hatte sie bereits im März getroffen, das war ein sehr erfüllender Abend im Sinne eines Jobcoachings und ich erinnerte mich an sie.  Sofort nach meiner Kontaktaufnahme traf ich sie.

Wir sprechen regelmäßig, treffen uns im Park, machen Qi Gong Übungen, sitzen auf der Parkbank oder spazieren. Das Coaching gibt mir Kraft und den nötigen Mut Dinge anzunehmen, ob es der Port in meiner Brust ist oder auch die bevorstehende Therapie, die nun schon in zwei Tagen startet. Sie wünscht sich, dass ich sanfter werde, weil ich doch diese Härte in mir trage.

 

Die Haare sind nun seit zwei Wochen kurz, machen mich jünger und im letzten Monat habe ich 4kg verloren.

Als einstiges Semimodel war ich immer sehr im Außen verankert. Jetzt erschrecke ich, statt mich zu freuen.

 

If I can make it here, I can make it everywhere.

„An was glauben Sie?“ fragte mich die Meisterin. „An eine Kraft im Universum, nicht an Gott. An Schicksal, an die Liebe sowie an wahre Wunder.“ antwortete ich ohne zu zögern.

 

In den letzten Tagen habe ich einen engeren Draht zu meiner Mutter. Ganz besondere Menschen sind für mich da. Meine Familie, Freunde, alte Schulfreunde tauchen auf, Menschen aus der Vergangenheit wie mein einstiger Modelboss, Kollegen, Ärzte…ich bin angetan von der Unterstützung und hoffe sehr, dass es so bleibt. Das lässt mich diejenigen vergessen, die sich absondern oder einfach mit der Situation nicht umgehen können.

 

Nach der Diagnose Krebs, dachte ich nur -  die Welt bricht zusammen. Ich bin 33 Jahre alt und wollte immer eine Familie gründen. Aus und vorbei? Nein, denn es heißt Lösungen finden.

 

In meiner Heimatstadt ist man mit 33 bereits spätgebärend, hier in München eher nicht -  ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, wann man hier Kinder bekommt. In der Reproduktion war ich ziemlich jung und ich war die erste Krebskranke. Das war ein Ding -  soviel Aufmerksamkeit.

Da saß ich gegenüber vom Doktor A: „Sie haben Krebs -  sind Sie sicher, dass Sie Kinder wollen?“ Nun ja war ich und bin ich. Also habe ich Eizellen eingefroren…wunderbare 8 Stück, ich danke Ihnen Doktor B. Danke für alles, die Empathie und das Mitgefühl. Sie haben wirklich alles gegeben. Ich bin mir sicher – dass wir uns wiedersehen.

 

Bisher bin ich mit dem Verlauf sehr zufrieden und auch dankbar für die Umstände. Ich habe eine tolle Klinik gefunden, wo ich den Ärzten vertraue. Ich vertraue darauf, dass alles gut wird. Wirklich alles gut. Aber da ist auch die Angst, die Angst…diese gottverdammte Angst, die ich nicht verleugnen kann- der Respekt vor allem, was ist, was da kommt…und was ich nicht einsehen kann.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Susann (Donnerstag, 10 November 2016 15:49)

    Kleine Ergänzung: In München bekommt Frau das 1. Kind mit 34 Jahren.

Supergirls don't cry! Aber manchmal weinen sie! Sie schluchzen und müssen auch ins Tal der Tränen! Denn da muss man manchmal hin, damit das für die alte Seele auch erträglich ist! Es ist wie ein Hamam, danach kommt man butterweich und gefestigt zurück.