#2 Langzeitkrank

Ich befinde mich in der ersten Chemotherapie, Brustkrebs mit 33. Aggressiv, schnell wachsend und dafür danke ich - früh erkannt. Ich war bei meinem behandelnden Arzt in der Klinik. Habe mich endlich getraut alle nötigen Fragen zu stellen und auch alle Antworten bekommen, mit denen ich gut weitermachen kann. Es war schwer diesen Schritt zu gehen. Mir war es wichtig zu wissen, woran ich bin.

 

Die Arbeit lief nicht so gut an, ich bin zwar unbefristet angestellt, habe jedoch letzte Woche von meinem Chef erfahren, dass noch nicht klar ist, was mit meiner Stelle wird. Ich will mir darüber jetzt keine Gedanken machen, das bringt nichts, wir werden sehen, welche Aufgabe ich dann im nächsten Sommer angehe.

Dennoch stelle ich mir oft die Frage: Warum kann ich nicht loslassen? Ich weiß es nicht. Zumindest heißt es, dass Menschen, die nur schwer loslassen, Krisen gut bewältigen können. Man soll ja immer das Positive sehen.

Viele fragen mich: Wie ist eine Chemo? Was heißt Chemo?

Chemotherapie bedeutet, dass mir Gift in meinen Körper intravenös durch meinen Port zugeführt wird. Dieses Gift soll die bösen Zellen töten und schadet aber auch den gesunden Zellen, da es beide Zellen nicht auseinander halten kann. Wichtig ist, dass es wirkt!

Eine Sitzung findet im sogenannten Chemoraum in der Tagesklinik statt. Ich werde mit einem Taxi zu Hause abgeholt, fahre in die Klinik, spreche meinen Chemoarzt, werde dann etwa drei Stunden versorgt mit Essen und Getränken und fahre danach wieder mit einem Taxi nach Hause. Nach der Therapie bin ich platt und schlafe meist recht schnell nachdem mich der Heißhunger gepackt hat und dann fängt das Gift langsam an zu wirken.

"Ich fühle mich, als könnte ich Bäume ausreißen! Also kleine Bäume. Vielleicht Bambus. Oder Blumen. Na gut. Gras. Gras geht. " 

Im Grunde fühle ich mich alt, einfach nur schwach und alt. Die Muskeln schmerzen, die Gliedmaßen auch, manchmal auch was anderes, ich bin schwach, so schwach, dass vieles anstrengend ist und ich bis auf einige Schritte um den Block mit Begleitung nur im Bett liege.

Erste Chemo und mir fallen die Haare aus, erst im Intimbereich, dann am Kopf. Tag 16 begann alles nach der ersten Chemo. Ehrlich gesagt, es ist gar nicht so schlimm. Nachdem ich am 20. Juli erfuhr, was für einen Krebs ich habe, ging ich sofort zum Friseur und bekam einen pfiffigen Kurzhaarschnitt. Da habe ich Rotz und Wasser geheult. War eh ein doofer Tag, man hatte neben den zwei Tumoren in meiner rechten Brust noch einen Dritten gefunden. Da ging es schon um Amputation (Ablatio). Ich hörte nur, Biopsie und was weiss ich alles. War für alle hart an dem Tag, für meine Freundin Henni, die fassungslos auf die Bildschirme starrte, während die Radiologin den Ultraschall über meine Brust führte und auch für meine Mama. Dieser dritte Knoten war übrigens gutartig, also sprechen wir wieder von brusterhaltender OP. Schreck lass nach.

Vier Wochen später bin ich wieder zum Friseur und habe mir die Haare auf 6 mm schneiden lassen. Gefällt mir nicht, muss es auch nicht. Die Haare fallen sowieso aus.

 

24 Wochen Chemotherapie. Wir haben Woche drei. 

Garfunkel

Müde seh' ich aus, mein Haar ist zersaust,

die Schatten unter den Augen beginnen zu saugen

in großen Kreisen und eigenen Weisen. 

 

Der Blick wird kalt und hart, die Stimme zart, 

der Körper quillt auf wie ein Schwamm,

das Herz schmerzt und wird klamm. 

 

Der Himmel legt sich über mich,

es ist dunkel und mitten im halbtoten Schlaf - seh' ich Garfunkel. 

 

Lichtlein, Stimmlein, ein neckiges Männlein

gibt mir Zeichen, Humor und Ausweichen.

 

Es schüttelt die Arme über mich aus,

versteckt sich und kommt wieder raus.

 

Stundenlang erklingt sein heller Gesang,

bis die Decke von mir weicht und der Schlaf ausreicht.

 

Susann (2002, Teneriffa)

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Kommentare: 1
  • #1

    Susanne (Sonntag, 18 September 2016 11:33)

    "Ehrlich gesagt, es ist gar nicht so schlimm." schreibst Du...

    Tapfere Worte. Ehrlich gesagt, ICH find's schlimm.

    Ich fand die ECs den Stoff aus dem die Alpträume sind und alles andere richtig richtig ätzend!!! Ich find die Schwäche ätzend. Und die Übelkeit. Und die Schmerzen. Und das Chemobrain. Und die Schlafstörungen. Und die Magenprobleme. Und und und und und...

    Ich finde es ist manchmal echt zum verzweifeln.

    Du bist sehr tapfer! Brauchst Du aus meiner Sicht aber nicht zu sein. Jammern erlaubt. Heulen erlaubt. Brechen erlaubt. Schwäche erlaubt. Fluchen erlaubt. Verzweifeln erlaubt.
    Alles erlaubt. Kein falsches Heldentum. Die Hauptsache ist, wir halten durch.

    Und WIR HALTEN DURCH!!!

    Ich schaffe das. Du schaffst das. Wir schaffen das.

    Susanne. (24 Wochen Chemotherapie. Und wir haben Woche 24. Alles wird gut.)