#5 Wie ein Schmetterling fliegen

Schmetterlinge stehen für Transformation und sie sind auf meiner rechten Schulter seit nunmehr zehn Jahren tätowiert, zwei türkisfarbige und ein kleiner roter Falter. Anscheinend war mir das vor zehn Jahren schon wichtig, dass ich mich wandele. Ich habe mir überlegt, welche Chancen ich mit der Erkankung haben kann. Und ein großes Ziel ist es, an meiner Persönlichkeit zu feilen. Tatsächlich möchte ich bewusster leben mit allem was dazugehört…und sanfter werden. Ob es nun am Stiersein liegt oder einfach an meiner Mentalität, wisst Ihr gut, dass ich stur und wütend werden kann. Genau das möchte ich ändern, weil es einfach viel kaputt macht. Transformation ist für mich ein Prozess, wo ich durch Tiefen gehe, Schmerzen und Leid erfahre und dann daraus wachse - ähnlich wie ein Schmetterling. Denn auch die kleine Raupe muss zur Puppe werden, bis sie sich in einen wunderschönen Falter verwandelt und zart durch die Lüfte schwingen kann. 

 

Am Mittwoch war ich bei meinem Psychoonkologen. Bei der zweiten Chemo waren die Blutwerte grenzwertig und ehrlich gesagt, ging es mir nicht so gut in den darauffolgenden Tagen. Diese EC (so heißt die Chemo) möchte bitte wirken…ich bete dafür…und immer wenn es in der Brust schmerzt, hoffe ich, dass die beiden Tumore kaputt gehen...sie sollen bitte verschwinden. Ich hätte nie gedacht dass ich mich über Brustschmerzen freue. Nächste Woche erfahre ich, wie die Chemo wirkt, am kommenden Dienstag ist es soweit. Da gibt es eine Sonographie (Ultraschall) und dann wird geschaut, ob die beiden Tumore kleiner geworden oder zumindest nicht mehr gewachsen sind. Den Großen fühle ich noch -  weg ist er nicht, den Kleineren kann ich nicht ertasten, dafür sitzt er zu tief.

 

Ich habe mir die erste Infektion eingeholt. Bindehautentzündung - nun stellt sich die Frage, ob ich die nächste Chemo am Montag bekommen kann. Immer noch muss ich lernen achtsamer zu werden. Bin etwas angespannt deswegen und versuche dieses Wochenende zu chillen, bevor es wieder losgeht.

 

Die EC macht düstere Gedanken, ich hoffe sehr, dass das mit dem zweiten Teil der Chemo besser wird. Man denkt über viele Sachen nach, vergangene Beziehungen, Freundschaften, über das Sterben...oder auch über das Leben und die eigenen Wertvorstellungen. Für mich sind das Warten und die nötige Geduld zu erbringen derzeit die schwersten Lehren in der Chemotherapie.

 

Vergangenen Donnerstag war ich bei einem Netzwerk für junge Krebskranke. Ich bin mir noch unsicher, ob das der richtige Weg ist, da mich die Leiden der Kranken nicht nur ablenken, sondern auch runterziehen. Denn es gibt immer Menschen, denen es soviel schlechter geht als einem selbst. Zumindest werde ich versuchen am 24.09. zum Krebsinfotag in ein großes Klinikum zu fahren. Der Tag wird von allen Seiten für Krebskranke sehr gepusht und vielleicht bringt er ein paar neue Informationen und Eindrücke, die einem weiterhelfen. Mittlerweile werde ich dort auch einige Menschen wiedersehen, denen ich in der Erkrankung bisher begegnet bin.


Laut dem Psychoonkologen soll ich dafür sorgen, mir schöne Erinnerungen in dem Jahr zu machen. Mindestens drei tolle Events pro Chemo. Im aktuell drei Wochen Rhythmus haben wir also zehn Tage Spaß. Die anderen zehn Tage falle ich flach. Ideen sind willkommen, Anrufe auch :-) Nur, Menschenmassen bitte in der Chemozeit vermeiden. Ich wäre ja gerne beim Anstich auf der Wiesn dabei gewesen - aber ich bin mir sicher, ihr feiert alle schön für mich mit! 17 Tage Ausnahmezustand im Westend -  cheerio. 


Ich werde weiter durchhalten! Wir haben Woche sechs.  


Eulenfalter - Danke Susanne!!

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Kommentare: 1
  • #1

    Susanne (Montag, 19 September 2016 08:04)

    Ein Psychoonkologe ist jemand, der Dir dabei helfen soll etwas durch zu stehen, von dem er nicht weiß, wie es sich anfühlt.

    Ich merke immer wieder, wie leicht es fällt, anderen Betroffenen Beschwerden zu schildern und wie rat- und hilflos dagegen die Ärzte erscheinen.

    Ich sage: Eine Chemotherapie ist mit nichts zu vergleichen. Und es ist unvorstellbar. Studium hin - Erfahrungswerte her. Wer es nicht erlebt hat - der hat es nicht erlebt.

    Ich halte daher nicht viel von diesen "klugen" Patentrezepten ... 3 tolle Events pro Chemo? Ob wohl
    1.Aus eigener Kraft die Küche erreichen.
    2. Erleichterung darüber nicht mehr vom Anblick der Wasserflasche brechen zu müssen.
    und
    3. Zum Supermarkt an der Ecke schleichen.

    als Events qualifizieren? Denn "toll" war das in dem Moment.

    Mach Dein Ding und lass Dich nicht beirren. Niemand weiß besser als Du, was Dir gut tut.