#7 Sehnsucht nach einem Gefühl

Ich habe es mir mal wieder gut gehen lassen. Ein lieber Bekannter hat mich kontaktiert und wir sind nach Schloss Linderhof auf den Spuren von Ludwig II. gewesen -  was für ein tolles Chemoevent -  die Zeit ist verflogen und abgesehen davon, dass ich langsamer zu Fuss bin als eine 90-jährige, hat das ziemlich gut geklappt. Schloss Linderhof liegt unweit von Garmisch und dem Kochelsee. Das Wetter war ein goldener Septembertraum, die Anlage und Umgebung so sattgrün und umrandet von den imposanten Bergspitzen. Bisher kannte ich nur Neuschwanenstein und Herrenchiemsee von außen, wobei ich beide Schlösser selbst noch nicht besichtigt habe. Aber Schloss Linderhof hatte sein eigenes Flair -  natürlich alles auch erinnernd an eine Miniatur von Versailles und den Bauten des Sonnenkönigs -  dem Abgott von Ludwig II.. 

 

Ich bin etwas genervt, obwohl ich diese Chemo gut vertragen habe. Ich konnte sogar am Tag vier zu einem Familienfest und meiner Verwandtschaft fahren, auch wenn ich mich immer wieder hinlegte, da ich schwach war. Seit ich in der Krebsbehandlung bin, mache ich mir viele Gedanken. Nicht dass ich vorher nicht auch eine Grüblerin war, aber plötzlich sind da Unsicherheiten -  die ich zuvor locker überspielte. Ich grüble und frage mich -  bleibt meine Lebendigkeit am Leben, kann ich meinen Traum von einer Familie möglich machen ob mit oder ohne Eizellen, kann ich lieben und kann ich überhaupt noch eine echte Partnerschaft haben.

Denn jetzt in der Erkrankung bin ich ohne Partner.

 

Meine längste Beziehung waren fünf Jahre, das liegt nun auch schon wieder seit 2011 zurück. Damals sind wir auf einer Stelle getappt und haben uns nicht weiterentwickelt. Meine letzte Beziehung ist ohne ein Gespräch geendet, mit dem Rückzug von Düsseldorf nach München im letzten Jahr hatte es sich einfach erledigt. Ich vermisse es einen Partner zu haben, wenn auch ich Stärke ausstrahle und allein gut zurecht komme. Dennoch fehlt mir eine Schulter, an der ich mich anlehnen kann und die Erkrankung selbst lässt mich ängstigen, dass ich meine Schutzschilder weiter ausfahre um zum einen nicht mehr verletzt zu werden und zum anderen das Gegenüber nicht zu schmerzen. 

Im Grunde frage ich mich, wie ich mir die Weiblichkeit erhalten soll? Wie ich nach allem oder überhaupt noch lieben kann? 

 

Lola  - meine Perücke, ist toll und sie ermöglicht es mir normale Dinge zu machen, wie im Teeladen einzukaufen oder beim Lieblingsitaliener im Glockenbach zu essen. Aber sie ermöglicht es mir nicht Sexualität oder Verliebtheit zu haben. Und ich wäre gerade jetzt so gerne verliebt mit Haut und "Haar". 

Wenn wir verliebt sind, dann sind wir leicht wie Federn, verspielt wie Kinder, euphorisch und voller Lebensenergie. Wir sind echt sowie voller Kraft und Optimismus. Erinnert ihr Euch? 

Mit der Selbstliebe klappt es ganz gut, wenn ich mich schminke, sieht man mir nichts von der Erkrankung oder der Therapie an. Ich bekomme Komplimente von Fremden, obwohl ich nicht danach frage und oft ein Lächeln. Ich bin entspannt und der Haarverlust selbst ist nicht das Problem. Das Thema, was ich habe, ist die Weiblichkeit. Die rechte Brust, wo die Tumore sitzen, die Strapazen der Behandlung, das komplett andere Leben, die Stabilität meiner Psyche...die fehlende Sexualität.

 

Heute Nacht kann ich nicht schlafen. Ich liege seit Stunden wach -  obwohl ich gerade kein Kortison nehme. Einen Koller bekomme ich auch zu Hause, obwohl mir nicht langweilig ist.

Das Rollerfahren an den guten Tagen entspannt mich, ich liebe es 😍, wenn mir der Wind ins Gesicht bläst und ich mal das Stadtviertel wechsle um nicht "täglich grüßt das Murmeltier" zu erleben.

Es geht darum durchzuhalten  -  das bestreitet niemand. Denoch will ich auch sehnsüchtig sein, in mich reinhören und zu fühlen sowie ehrlich mit mir sein.

Die Sehnsucht ist ein Verstärker des Wunsches. (Marcel Proust)

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Kommentare: 2
  • #1

    Conrad (Freitag, 30 September 2016 12:39)

    There is a beauty in you that will be seen by others too. I am thinking of you, stay strong,

  • #2

    Susanne (Freitag, 30 September 2016 18:04)

    Der Mann, der für Dich der Richtige ist, wird nicht nach Haaren bis zum Po oder OP-Narben fragen, sondern nach DIR.

    Und diese Zeit der Krankheit wird Dich prägen und stark machen. Du wirst wissen was Du schaffen kannst. Du wirst weich sein können. Und stahlhart. Tapfer. Und hilfsbedürftig. Du wirst die Schönheit der Welt besonders zu schätzen wissen. Und vor vielem was andere fürchten keine Angst mehr haben.
    Du wirst eine ganz besondere Frau sein. Gerade durch den Krebs.
    ICH sage "Chemo macht hässlich." - DU bekommst Komplimente von Fremden!!! Fazit: Du siehst toll aus (oder heißt es "Ihr" - Du und Lola?)

    Mach Dir keine Sorgen. Uninteressant bist Du nur für DIE Männer geworden, die sich sowieso nie für DICH interessiert haben... und wer will DIE???

Supergirls don't cry! Aber manchmal weinen sie! Sie schluchzen und müssen auch ins Tal der Tränen! Denn da muss man manchmal hin, damit das für die alte Seele auch erträglich ist! Es ist wie ein Hamam, danach kommt man butterweich und gefestigt zurück.