#9 Reise zu mir selbst

Leben ist das, was passiert, während du fleißig dabei bist, andere Pläne zu schmieden.(John Lennon)

Wir schieben mal wieder die Chemo -  wir Ihr wisst, ist Geduld nicht die größte Stärke - ich war so euphorisch, weil alles so gut lief, nun bin ich erkältet. Was war es? Die Oper am Freitag, die Bavaria Filmstadt am Samstag mit Fuchur, dem Glücksdrachen aus der unendlichen Geschichte oder der neue Chemosport inkl. Rollerfahren am Montag? Es gibt wohl zig Gründe, warum ich jetzt einen Tag vor der letzten EC einen Infekt bekommen habe - trotz super Blutwerte - sonst hätte ich nicht soviel unternommen. Tausend Fragen sind nun in meinem Kopf. Kann ich zum Qi Gong Retreat fahren, wann kann ich in die Klinik für die Chemo fahren? Wann mache ich die Chemo - wird diese genauso wirken - wie zuvor? Ich habe Angst und das ist nicht gut. 

 

Wenn ich auf das Retreat fahre, werde ich die Krankheit ausblenden. Sieben Tage abschalten. Auch das Handy werde ich in diesen Tagen weniger bedienen. Ich freue mich wirklich darauf, ein wenig ist es wie Urlaub, zum anderen eine Reise zu mir selbst und ich bin sehr gespannt, was ich alles lernen kann. Über Qi Gong, über mich, über unsere Erde. Mein erstes Retreat...

 

Nachtrag vom 14.10.16:

Nach Rücksprache mit der Klinik fahre ich nun heute am Freitag rein um die Chemo zu bekommen aufgrund der speziellen Situation heißt es. Die letzte EC - drücken wir die Daumen, dass ich die Therapie gut überstehe. Um 7:20 Uhr holt mich das Taxi und am kommenden Sonntag geht's zum Retreat👏

Morgen am Samstag fahre ich nochmals in der Klinik vorbei, da gibt's dann eine Spritze, damit das Immunsystem gut durchhält. Läuft doch wieder!

 

Ich habe begonnen mir einige Fragen zu stellen anhand einer psychologischen Übung. Vielleicht nutzt ihr die Selbstreflexion auch für Euch oder ergänzt Ideen und Anmerkungen in den Kommentaren.

     

1. Worauf bist du im Leben richtig stolz und warum?

Ich bin froh dass ich begonnen habe zu reisen - ob allein oder in Begleitung. Das Reisen ist ein Abenteuer, eine Zeit für Wunder, das Reisen ist die beste Art zu lernen und die Erinnerungen bleiben mir und meinen Mitmenschen ein ganzes Leben lang. 

2. Welche Rollen hast du im Moment in dem Leben inne? Welche magst du? Welche nicht so sehr?

Nun aktuell bin ich die Patientin, die Kranke, das Mädchen mit dem Krebs, ich bin stiller und besonnener (das mag ich) geworden, aber auch eine Kämpferin, zäh, die Lebenslustige, die Frau, die sich stellt, die Frau die ihren Weg geht -  die Freundin, die Tochter, der Single, die große Schwester, das Mädchen aus München ... was ich derzeit nicht so mag, könnt Ihr Euch sicher denken. 


3. Die drei Dinge, die du am allerliebsten machst sind...

Reisen, in Gesellschaft kochen und essen sowie gemeinsam zu philosophieren.


4. Die berühmten drei Wünsche an die Fee -  welches sind deine?

Ich wünsche mir gesund zu werden und zu bleiben, ein erfülltes langes Leben zu führen und im richtigen Moment eine Familie zu gründen. 


5. Was möchtest du, was man später über dich und dein Leben sagen soll? 

Susann war ein Herzensmensch, für andere da, eine Kämpferin, eine Reisende und sehr gute Freundin. Sie schaffte es gestärkt aus Krisen zu gehen und immer lebendig zu bleiben. Susann fand nach Jahren der Suche und schwerer Krankheit zu sich selbst und konnte selbstbestimmt ein sehr glückliches und langes sowie erfülltes Leben leben.


Aus irgendeinem Grund möchte ich irgendetwas aufbauen und hinterlassen...kann also sein, dass hier noch was kommt.


Die besten Dinge im Leben sind nicht die, die man für Geld bekommt. (Albert Einstein)

Das Leben ist zum einen so tief wie das Meer und zum anderen so leicht wie eine Feder - so süß wie die Liebe und so strahlend wie die Sonne und manchmal, wenn ich entspanne und bei mir bin, ist es so verträumt und gehaltvoll wie ein guter französischer Wein. Sterben müssen heißt loszulassen, sich selbst bewusst zu machen, wie endlich das Leben ist um dann dahin aufzusteigen, was manch einer in dieser Welt nicht mehr sehen kann. Sterben kommt für mich aktuell nicht in Frage und ich habe auch kein Gefühl, das dem so ist. Vielleicht will ich es nicht fühlen, vielleicht kann ich es nicht oder vielleicht sehe ich es nicht, weil die Tür noch verschlossen ist. Vergangenheit ist erinnern, Erfahrungen bewältigen und auch die Möglichkeit zurück zu blicken und aus dem Erlebten zu lernen. Derzeit nutze ich meine Fotobücher der letzten drei Jahre um genau das zu tun und die Vergangenheit anhand von Reisen zu geniessen. Ich betrachte auch vergangene Lieben und lese alte Tagebücher, mitunter schmunzel ich wirklich.

Zukunft bedeutet Ungewissheit, nicht zu wissen was morgen ist, aber stets darauf zu hoffen und an das Gute zu glauben. Gegenwart heißt den Moment zu fühlen und lernen dankbar für all die kleinen Geschenke des Alltags zu sein, ob sie in guter oder schlechter Verpackung sind. Die Welt braucht Optimisten, echte Menschen, die voller Liebe sind.

Nun die Liebe ist das Schönste auf Erden, ein Halt, ein Gefühl, ein Hafen. Sie vermag Wunder geschehen zu lassen und sie ist die Kraft, für die ich alles riskieren würde -  das habe ich mir geschworen. Freunde zu haben ist Liebe auf einem anderen Level, ich kann mich zeigen, wie ich bin, ich kann vertrauen und darf ich sein. Danke dafür. Das Glück ist ein Gefühl - wo mir Tränen in die Augen kommen, wo ich staune und dankbar bin für alles, egal wie lange es dauert. Zufriedenheit bedeutet sich selbst zu lieben und mit sich im Reinen zu sein und die Zeit sinnvoll zu nutzen mit all dem, was mir gefällt und mich erfüllt. Hoffnung ist eine sehr starke Kraft und verbunden mit dem Glauben kann sie Berge versetzen. Träume sind Sehnsüchte unseres Selbst und das Schönste ist sie wahr zu machen. 


Das Schwierigste für mich, ob man es glaubt oder nicht, ist die Veränderung. Obwohl ich mich anpassen kann, setzt sie voraus beweglich zu bleiben und immerzu zu wachsen. Für Menschen wie mich, die schwer loslassen können - wird es kompliziert, wenn die Veränderung von außen kommt und von mir selbst nicht so gewünscht ist. Denn genau dann, stelle ich mich quer, bin devot oder auch wütend, manchmal beides wechselnd, weil ich nicht bei mir bin und unentwegt suche, warum Entscheidungen so getroffen wurden. Und dann fange ich an zu funktionieren...und werde unglücklich. Wie kann ich in solchen Situationen auf mich hören und lernen zu akzeptieren, anstatt mich mit einem Komplott an Fragen zu quälen? Was kann ich dann fühlen und wie auf mein Herz hören? 


Ich brauche Kraft, Liebe und Glauben für mich selbst sowie viel Glück - um wieder gesund zu werden. Angst habe ich mitunter - aber ich wünsche mir mehr und insbesondere hoffe ich darauf, dass alles gut wird.


Mut heisst durch das Tal zu gehen und mich dem zu stellen, was vor mir liegt und das Ziel Genesung vor mir zu haben.

Die Frage "warum ich" habe ich mir nicht gestellt und werde sie mir auch nicht stellen. Die Berührung mit dem Tod empfinde ich anstrengend, weil sie mir zeigt, wie verletzlich der Krebs macht und auch, was für eine Macht diese Krankheit hat. Es ist so leicht zu glauben -  dann wieder so schwierig zu vertrauen. 


Verlust ist mit das schmerzvollste Leid, was ich erfahren musste, wie der Tod eines überaus geliebten Menschen, einer mir sehr wichtigen Seele. Schmerz ist, was uns den Appetit versagen lässt, was uns wieder dahin wirft, zurück zu dem, der wir sind.


In der aktuellen Lebenssituation geht es darum meinen Kern zu entdecken, mein Ich zu wecken und die zu leben, die ich wirklich bin.

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Kommentare: 3
  • #1

    Conrad (Sonntag, 16 Oktober 2016 11:53)

    Well this was really deep, and I love the honesty, you are such a special person, my heart is part of your journey.

  • #2

    Steffi (Donnerstag, 20 Oktober 2016 10:14)

    Hier zu lesen ist wie stundenlang Kaffee trinken mit Dir nach einem lang ersehnten Wiedersehen und gemeinsam die Zeit verbringen ohne zu wissen wie spät es ist.
    Bin gespannt auf einen Bericht aus dem Retreat. :)

  • #3

    Susanne (Dienstag, 25 Oktober 2016 00:26)

    "Ich habe Angst und das ist nicht gut." schreibst Du.

    Frage: Warum ist das nicht gut? Ist doch sehr natürlich Angst zu haben?

    Es ist paradox.

    Da sind ein paar leicht komisch aussehende Zellen in unseren Körpern. Nur ein paar Millimeter groß.
    Auf der anderen Seite stehen wir: stark, erwachsen, eigenständig. Wir haben alles auf unserer Seite: Bildung und Geld, Ärzte und Versicherungen. Familie und Freunde. Die ganze Gesellschaft, das ganze System. Wir haben unser Wohlbefinden und unser Aussehen geopfert. Unsere Haare verloren. Job aufgegeben. Leben verändert. Wir reden über's Amputieren von Brüsten und Entnehmen von Eierstöcken, lassen uns künstlich in die Wechseljahre versetzen und verzichten auf's schwanger werden. Wir machen Entspannungsübungen, gehen zum Sport und essen keinen Zucker mehr. Wir werfen ALL DAS in die Waagschale in der Hoffnung, dass diese paar Millimeter uns nicht umbringen.
    Und uns kann keiner sagen, ob es reicht.

    Warum sollte man da bitte keine Angst haben? Es IST gefährlich und schrecklich und ich würde mir ernsthaft Sorgen um Dich machen, wenn Du das nicht beängstigend fändest!!!

    Du hast Angst? Dann lässt Du solche Gefühle schon wieder zu. Das ist ein gutes Zeichen. :-) Wir lassen uns nämlich nicht unterkriegen. Trotz Angst. :-)