#12 Endlichkeit und so

Denn niemand kennt den Tod, und niemand weiß, ob er nicht vielleicht das größte Gut für den Menschen ist. (Platon)

Ich möchte heute auf ein Thema eingehen, was wir eher meiden. Ich möchte übers Sterben reden - jeder von uns wird sterben, die Unsterblichkeit wurde noch nicht erschaffen. Aktuell habe ich Zeit mich mit der Krankheit und den Folgen auseinander zu setzen. Meine Krebsfreundin Susanne sagt immer - die EC macht morbide Gedanken, ja macht sie, aber es ist auch gut -  denn dann denken wir nach und wachsen innerlich.

"Susann, es wird alles gut. Du schaffst das, dass weiß ich." Ich bin dankbar für das Mitgefühl und Hoffnung ist wichtig, nur all das gibt keine Garantie dafür, dass ich 85 Jahre alt werde, weil keiner weiss, wann es wie für jeden Einzelnen zu Ende geht. Und ich möchte vorbereitet sein mit meinen Fragen und Antworten zum Sterben. Ich möchte einfach all das organisiert haben, was ich vorbereiten kann.

 

Viele Freundinnen sind nach meiner Diagnose zum Arzt gegangen und haben sich untersuchen lassen, ich freue mich sehr, dass es allen gut geht und bei niemanden etwas gefunden wurde und ich bitte alle weiterhin zur Vorsorge zu gehen und auch monatlich die Brust abzutasten. Dasselbe gilt auch für die Männer, die das lesen - bitte geht auch ihr regelmäßig zum Urologen.

 

Ich habe im letzten Blog das Thema Glauben in den Raum geworfen. Viele treten aus der Kirche aus, ich bin derzeit schwerkrank und denke darüber nach einzutreten - einfach weil der Glauben Berge versetzen kann und eben auch, weil er mir unwahrscheinlich Kraft geben kann. Nun bin ich noch dabei das herauszufinden und besuche einige Gottesdienste hier im Westend. Wir werden sehen, wie ich mich entscheide. Dennoch hat mich das Arztgespräch letzten Freitag mit dem Gebet unwahrscheinlich berührt und ich denke noch immer daran.


Was hat das Retreat gebracht? Es hat mir den Horizont erweitert. Ich habe viel über mich gelernt und womöglich ein Stück mein Bewusstsein geöffnet. Ich werde die Meisterin bei Gelegenheit treffen, dann werden wir vielleicht über diese Woche und die Ergebnisse sprechen.

 

Heute an Halloween, einem Tag vor Allerheiligen, heißt es, dass in dieser Nacht die Toten zu den Lebenden zurückkehren. Ich möchte daher ein Gedenken aussprechen. Vor über drei Jahren ist der wichtigste Mensch in meinem Leben gestorben, mein Ziehvater, das Vorbild in meinem Leben. Er hatte fortgeschrittenen Lungenkrebs und wir haben nie in der Krankheit übers Sterben geredet. Zwei Wochen vor seinem Tod war ich ein letztes Mal an seinem Krankenbett, danach wurde ich nicht mehr zu ihm gelassen, weil es ein Teil seiner Familie verhinderte. Es hat mich nicht überrascht, dass dies passierte -  Jahre vorher hatte ich eine Diskussion genau zu diesem Thema mit ihm und dann am Krankenbett hatte ich die Endlichkeit in den Mund genommen, weil ich ihm Liebe und Licht wünschte - und vielleicht auch, weil ich erfahren habe, dass er nur noch von Tag zu Tag lebte und es auch sah. Mein Papa wollte leben, er wollte sich so viele Wünsche erfüllen, nochmals heiraten, seine Liebsten glücklich machen - und all das sollte geschehen, wenn es ihm wieder besser geht -  aber es wollte keiner sehen, dass es nicht mehr besser wurde und seine Zeit gekommen war. Final betrachtet, bin ich dankbar, dass ich ihm so oft sagte, wie sehr ich ihn liebte und wie sehr ich dies bis heute tue - über seinen Tod hinaus. Die Erinnerung, unsere Verbindung und meine Liebe für ihn kann mir keiner nehmen.

 

Drei Jahre später habe ich gelernt zu verzeihen, dass Wut und Groll im Leben nichts bringt und uns nicht glücklich macht. Sondern dass es viel wichtiger ist zu lieben und den Menschen mit Wertschätzung zu begegnen. Ob mir das zukünftig auch im Alltag gelingen wird, bleibt fraglich, aber ich arbeite daran.


In diesem Sinne Happy Halloween 👻 !

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Kommentare: 4
  • #1

    Conrad.... Again (Montag, 31 Oktober 2016 19:45)

    I really am sorry about your dad, he was sick am important part of your life. I hope you have had time to grieve properly and wait. Love the boss, and find what makes you happy. Hope you enjoyed Halloween, had a great night in our neighborhood. Love your pics, you look so beautiful.

  • #2

    Conrad (Montag, 31 Oktober 2016 19:48)

    P.S. Loving other people is a huge step in life, don't care about the past, caring about people because it's the right thing to do is one of the most rewarding things in the world.

  • #3

    Susanne (Montag, 31 Oktober 2016 21:31)

    Wie würde Mascha Kaleko sagen? "Vor meinem eig'nen Tod ist mir nicht bang. Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind. Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?"

    Ich glaube, dass uns die Krankheit manchmal den Blick dafür vernebelt, dass WIR mit Todesangst und Chemo-Übelkeit trotz allem in manchem diejenigen sind, die es leichter haben. WIR sind krank. Alle machen sich um UNS Sorgen, nehmen auf UNS Rücksicht, zerbrechen sich für UNS den Kopf, haben für all unsere Launen Verständnis.
    Wir sind krankgeschrieben, schwerbehindert, man nimmt uns Arbeit ab. "Die armen Kranken haben es ach so schwer..."

    JA. Haben wir! Aber ob mein Mann es so viel leichter hat? Sind seine Träume und Zukunftspläne nicht genauso in Scherben wie meine? Er soll weniger Angst haben? Weniger Stress? Und ist es wirklich so viel einfacher hilflos daneben zu stehen und zuzusehen, wie es mir hundeelend geht, als selbst über'm Klo zu hängen?
    Und ER arbeitet dabei noch 9Stunden täglich, schmeißt den Haushalt, behält die Nerven und spricht Mut zu.
    Während ICH Rücksicht, Mitleid und Hilfe noch und noch bekomme.
    Und dabei hat er bestimmt mehr Angst als ich.
    Gerecht ist das nicht...

    Oder, wie Mascha Kaleko sagen würde: "Bedenkt. Den eig'nen Tod, den stirbt man nur. Doch mit dem Tod der and'ren muss man leben."

    Ich grüße am heutigen Halloween alle Angehörigen und Hinterbliebenen von Krebskranken. Seid nicht zu hart mit Euch! Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es MIR leichter fällt selbst krank zu sein, als hilflos daneben zu stehen.

  • #4

    Conrad (Mittwoch, 09 November 2016 19:18)

    Thanks beautiful, beautiful words again. That is a completely different view. Thanks for writing.

Supergirls don't cry! Aber manchmal weinen sie! Sie schluchzen und müssen auch ins Tal der Tränen! Denn da muss man manchmal hin, damit das für die alte Seele auch erträglich ist! Es ist wie ein Hamam, danach kommt man butterweich und gefestigt zurück.