#14 Eine Baustelle weniger

Zufriedenheit ist der Stein der Weisen. Zufriedenheit wandelt in Gold, was auch immer sie berührt. (B. Franklin)

Die Gürtelrose ist am Heilen, aber unter Chemotherapie dauert manches länger. Mittlerweile ist das Ekzem so groß, wie eine Ibuprofen Schmerztablette und damit um die Hälfte geschrumpft. Ich wurde am Mittwoch in ein sehr hübsches Einzelzimmer verlegt, mit Blick auf den Park. Hänge jeden Tag am Tropf, das sogenannte Virusstatika soll den Virus abtöten. Die Gürtelrose ist die Zweiterkrankung aus dem Windpockenvirus und nennt sich auch Herpes Zoster. Ich hatte als Kleinkind Windpocken und seitdem schlafen die Viren nun in mir, bis das Immunsystem so schwach ist, dass es ausbricht. Schlimm ist, dass das immer wieder passieren kann. Menschen, die keine Windpocken hatten (5% der Deutschen), könnte ich mittels Schmierinfektion anstecken, diese würden dann Windpocken bekommen, jedoch keine Gürtelrose in der Ersterkrankung.

Am Montag, in meiner ersten Nacht im Krankenhaus, habe ich mir versehentlich die Nadel aus dem Port gerissen, das ist ein Zugang auf der Höhe des Schlüsselbeins, wo ich nicht nur Medikamente intravenös bekomme, sondern wo man auch Blut abnehmen kann. Vier Tage hatte der Port daraufhin nicht mehr funktioniert, nicht einmal Kochsalz war mir einzuflößen und ich war sehr besorgt, ob ich deshalb unters Messer muss. Gestern kam dann die Portexpertin und nach zwei Versuchen und mehreren Einstichen funktionierte es wieder. Sie war ganz erleichtert und meinte: "Eine Baustelle weniger."

Ich habe eine Bekannte auf der Station 1 getroffen, ihr Name ist Eva. Bei meiner ersten Chemotherapie bin ich ihr begegnet, wo sie mir zahlreiche wertvolle Tipps gegen die Nebenwirkungen mitgab, sie hatte nun ihre zweite Brustop. War schön sie wiederzusehen, wir haben viel gemeinsam gelacht und waren Zimmernachbarinnen. 
In meiner Klinik werden auch zahlreiche plastische Ops gemacht, somit sind wir heimlich durch die Gänge geschlichen, wie kleine Kinder auf Entdeckungsreise, nur haben wir keinen Schatz finden können. Abends saßen wir mit meinem Besuch Dea bei Fencheltee zusammen und haben trotz aller Umstände viel gelacht.

Meine Freundin Dani schaute auch seit Mittwoch täglich vorbei, da ihre Mama im Zimmer gegenüber liegt. So konnte sie uns beide besuchen in einem Aufwasch und ich habe mich über einen Plausch, gute Laune und frische Datteln gefreut. Meine Mama war auch da und ich habe es sehr genossen mit ihr, sowie heute meine Anne, die mir stets so gut die Fingernägel lackiert. 

Die Chefvisite fand heute statt und es wurde entschieden, dass ich morgen nach Hause kann. Die nächsten 6-12 Monate muss ich das Mittel gegen Gürtelrose weiternehmen, damit kein Rückfall vom Virus kommt und ich die folgenden 12 Chemos gut überstehe. Außerdem starte ich nun mit einem Magenschutz wegen der vielen Schmerzmittel. 

Ich habe mit meinem Psychoonkologen telefoniert und die Neuigkeiten der letzten drei Wochen berichtet. Er sagte mir immer wieder, dass es darum geht, dass ich ruhiger werde, so ganz verstanden habe ich das nicht. Zudem habe ich ihn gebeten das Thema Brustop zu besprechen, damit ich auch für mich sagen kann, dass ich mich final im Januar entschieden habe, was ich nun will. Ich war beruhigt, wo er mir sagte, dass wir hier gemeinsam einen Weg finden und hoffe, dass der nächste Termin wieder persönlich stattfinden kann. 

Die Psychoonkologin im Krankenhaus sah es stattdessen so, dass das Wichtigste in meinem Leben die Lebensfreude ist und Isolation eher eine fatale Auswirkung hätte. Zudem sprachen wir über Partnersuche, Erfüllung im Leben und Job und dass ich für sie eine ganz normale, junge Frau bin, die derzeit der Krankheit ausgeliefert ist. Dies konnte ich nicht bejahen, für mich sind all die Arzttermine wie ein Projekt. Das Projekt "Gesund werden" und all die Ärzte und Helfer sind meine "derzeitigen Kollegen", an eine Auslieferung habe ich nicht gedacht. Mein Projekt nimmt etwa ein Jahr in Anspruch und danach befinde ich mich in einer Nachsorge, ähnlich wie bei einem Unternehmensberater. Wenn dieser ein Projekt verkauft, bietet er oft eine Nachbetreuung an. Diese Zeit wird mir viele Erkenntnisse bringen, Menschen, die ich kennenlerne, Wissen über mich selbst, Reife, Reflexionen, einfach neue Richtungen und final hoffentlich all das, um die zu sein, die ich wirklich bin.

Zugenommen habe ich im Übrigen, weil der Krebs sich nicht mehr von mir nährt und weil ich Wassereinlagerungen durch die Medikamente habe und natürlich eine gute Esserin bin. Bin gespannt, wie das wird, wenn ich dann ab nächster Woche wöchentlich auf Kortison bin, ich hoffe dass die Gewichtszunahme sich in Grenzen hält. Die Chemo soll übrigens wieder donnerstags stattfinden, eben der Tag an dem ich geboren wurde.

Heute ist der Geburtstag meiner ersten großen Liebe ❤️. Ein ganz besonderer Mensch, den ich immer in meinem Herzen trage. Auch wenn wir keinen Kontakt mehr haben, schicke ich ihm ganz viele lichtvolle Gedanken. Alles Liebe für dich, C.!

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Kommentare: 1
  • #1

    Conrad (Samstag, 12 November 2016 19:21)

    I'm so glad the roads are leading you, we don't know where yet but know that I'm walking it with you, even when you are quiet, I'm still thinking of you, in still holding your hand. The things the psychologist saying are true, finding joy every day might be hard sometimes, but is important. Thinking of your smile is it sometimes, or your eyes, or the time we met. I hold on to those thoughts and know the importance of you.

    By the way, Sue has mad rose buds, many rose buds. She had grown so beautifully.... I really worried she would be happy.

    Miss you lots and thinking of you often.

Supergirls don't cry! Aber manchmal weinen sie! Sie schluchzen und müssen auch ins Tal der Tränen! Denn da muss man manchmal hin, damit das für die alte Seele auch erträglich ist! Es ist wie ein Hamam, danach kommt man butterweich und gefestigt zurück.