#D Chemo-Heldinnen

Aus einer Krebsfamilie wie meiner zu kommen hat nicht nur Nachteile. Ich habe nämlich nicht nur grauenhafte Geschichten zu erzählen, sondern auch solche, die gut ausgehen. Und DIE sind GANZ GENAUSO die Wahrheit wie die schrecklichen Geschichten.

Falls sich also jemand gefragt hat, wie ich mit den Bildern meiner Mutter im Kopf die Nerven hatte einer Chemotherapie zuzustimmen.

 

DIES ist der Grund:

Wer so wie ich die Mutter sehr früh verliert, weiß die Menschen um sich herum ganz besonders zu schätzen. Und so kam es, dass ich sehr sehr sehr dankbar für die Aufnahme in die Familie meines Mannes war. Ich hatte schon früh das Gefühl seine Mutter könne gut eine Tochter gebrauchen - und so bekam sie dann mich...

 

Es war Sommer und ich hatte Geburtstag. Meine Schwiegereltern (damals waren sie es noch nicht, aber ich will sie der Einfachheit halber trotzdem so nennen) hatten sich zum Essen angesagt. Außerdem hatten wir besprochen ein paar Tage gemeinsam nach Flensburg zu fahren. Dort kommen meine Schwiegereltern her - sie wollten uns die Stadt zeigen.

Wir saßen beim Italiener und aßen Fisch und die Stimmung war komisch. Etwas lag in der Luft und auf Fragen und Vorschläge bzgl. Flensburg kamen nur ausweichende Antworten. Und wie der Mensch so ist, fragte ich mich, was ich falsch gemacht hatte? Sicherlich wären sie gern mit ihrem Sohn weggefahren... Wenn sie jetzt also keine Lust mehr hatten, MUSSTE es ja an mir liegen...

 

Es lag nicht an mir. Am nächsten Tag rief mein Mann an und fragte, ob sie überhaupt Lust hätten - auf Flensburg? Die Antwort war, das sei nicht so einfach. Schwiegermutter hatte einen Knoten getastet.

 

Krebs.

 

Wer "Wie alles begann" gelesen hat, wird sich in etwa vorstellen können, was in meinem Kopfkino für Bilder liefen. Denn SO war schließlich Krebs. Oder etwa nicht???

Meine Schwiegermutter ist eine Macherin. Während andere noch grübeln hat sie schon alles gemanagt. Und so managte sie. Sie wollte kein Theater und kein Gejammere. Bloß keine Leichenbitterminen. Und da erst in 4 Wochen operiert werden konnte, wollte sie nach Flensburg fahren. Der Knoten sei klein, alles halb so wild, vielleicht brauche sie gar keine Chemotherapie und wir wollten doch ein Wochenende wegfahren. Also los!!!

 

Es erschien mir unglaublich, aber wir hatten eine wirklich schöne Zeit in Flensburg. Liefen durch die Stadt. Saßen in der Sonne. Niemand starb, niemand brach, niemand quälte sich durch unerträgliche Therapien. Statt dessen fuhren wir Schiff und aßen Hotdogs, liefen übers Kopfsteinpflaster und versuchten uns vorzustellen, wie es gewesen sein musste. Flensburg in den 1950er Jahren...

 

Der Krebs war zurück in meinem Leben. Aber diesmal blieb die Welt nicht stehen, sondern sie drehte sich weiter. Es war weiterhin Sommer. Wir hatten weiterhin uns. Das Leben ging weiter.

 

Die OP schien keine große Sache. Meine Schwiegermutter hatte uns gebeten kein Theater zu machen und so kamen wir nicht jeden Tag zu Besuch, sondern am Wochende zum Kaffee. Wir saßen draußen auf der Terasse des Krankenhauses, aßen Kuchen. Fünf Tage Krankenhaus. Dann nach Hause.

Das Ergebnis des OP Befundes war unerfreulich. Doch, die Lymphknoten waren befallen. Doch, man riet zur Chemotherapie.

 

Schwiegermutter erklärte dem Arzt, sie müsse darüber nachdenken, ob sie das noch wolle mit der Chemotherapie. In ihrem Alter!!! (69). Sie fuhr nach Hause um es sich zu überlegen. Aber kaum zu Hause angekommen, putzte sie alle Fenster, gab die Steuererklärung ab und kochte für ein halbes Jahr die Mahlzeiten vor. Und dann fuhr sie zum Arzt und sagte, sie sei dann jetzt startklar. Wann es losgehe?

Ich weiß noch, wie sehr ich sie bewundert habe für dieses Vorgehen. Weiß es, weil ich nie aufgehört habe sie dafür zu bewundern und weil ich versucht habe alles genauso zu machen wie sie, als die Reihe an mich kam. 

Wir fragten oft, ob wir etwas helfen könnten? Aber immer war alles schon fertig. Termin für die erste Chemo stand, Schwiegermutter kaufte sich eine Perücke, rasierte den Kopf  und strickte sich Mützen "für zu Hause".

 

Und dann begann die Chemotherapie. Ich weiß nicht, wie "gut" oder "schlecht" sie die Therapie tatsächlich vertragen hat, weiß nur, dass sie nicht EINMAL vor uns gejammert hat. Sie wollte nicht darüber reden. Schlief die meiste Zeit. Damals glaubte ich noch "schlafen" sei gleich bedeutend mit "nicht übel"...

Der Herbst verging und mit ihm verging die Chemotherapie meiner Schwiegermutter. Und pünktlich kurz vor Weihnachten, war es geschafft. Die Chemotherapie war abgeschlossen. Wir fragten, ob wir nicht Weihnachten dieses Jahr mal anders gestalten sollten als bei ins traditionaell üblich? Wir brauchten doch keine Pute und ich könnte doch kochen, das sei doch alles so anstrengend und... Die Antwort war ein klares "Nein". Schwiegermutter wollte "same procedure as every year" mit kochen und allem. Ich war besorgt, aber sie wollte es so, also machten wie es so.

 

Wenn ich an die Chemotherapie meiner Schwiegermutter denke, denke ich an dieses Weihnachtsfest. Sehe meine kleine, blasse Schwiegermutter vor mir, wie sie mit Mütze auf dem Kopf die Pute aus dem Ofen holt. Und ich höre ihre Stimme: "Susanne, Du musst die Soße abschmecken. ICH schmecke nichts." Trotzig und stur hielt sie unsere Weihnachtstraditionen ein, obwohl jeder sehen konnte, dass es ihr nicht gut ging. Und so saßen wir Weihnachten am schön gedeckten Tisch, aßen Pute, lachten und redeten. Und langsam begann ich zu begreifen, dass es tatsächlich wahr wurde: Es war schlimm gewesen, sehr schlimm sogar, aber der Krebs war weg - und meine Schwiegermutter  war noch da. Es ging ihr nicht besonders, aber wir konnten noch zusammen sitzen, zusammen lachen, zusammen essen, hatten immer noch uns. Weil sie nicht starb. Sondern lebte.

 

Das neue Jahr kam und meine Schwiegermutter zog die Bestrahlung durch, wie sie alles durchgezogen hatte: "Muss sein? - Na dann her damit!!" Sie fuhr zur Kur an's Meer, bekam wieder Haare und die Geschmacksnerven erholten sich. Schwiegermutter war im nächsten Jahr bei unserer Hochzeit dabei, sie machte eine Kreuzfahrt und wollte ein Smartphone.
Diese Geschichte ist 8,5 Jahre her, meine 77jährige Schwiegermutter plant für' s Alter.

 

Wenn ich EINEN Moment nennen sollte, der mir den Mut gegeben hat meine Chemotherapie durchzustehen, dann war es jener Anblick, wie meine glatzköpfige Schwiegermutter blass und erschöpft die Pute aus dem Ofen holte. SO geht eine Krebstherapie. Man steht den Mist irgendwie durch. Und DANN holt man sich sein Leben zurück. Es wird vielleicht nicht perfekt. Und vielleicht nicht sofort. Aber das macht man dann Stück für Stück.

 

Das kann man nämlich. - Weil man nicht tot ist.

 

"Brustkrebs? - Ach, daran stirbt man heutzutage nicht mehr." (erste Reaktion meines Schwiegervaters auf die Diagnose seiner Frau. Er hat Recht behalten. Der Krebs kam nie wieder.)

 

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