#E Von klugen Psychoonkologen und dummen Ratschlägen

Ich war beim Psychoonkologen. Wieder einmal. In meinem Freundeskreis holen die Leute schon das Popkorn 'raus, wenn sie diesen Satz hören. Denn: Ich weiß nicht, woran es liegt, aber wenn man annimmt, dass "Psychoonkologe" ein Beruf für intelligente Menschen ist, die anderen intelligenten Menschen durch eine Krise helfen wollen - dann frage ich mich, warum gerade ich ständig auf Idioten treffe, für eine Idiotin gehalten werde - oder beides. Nun, jedenfalls habe ich dadurch immer was amüsantes zu erzählen...

 

Wer an Krebs erkrankt, dem wird ein Besuch beim Psychoonkologen empfohlen. Immer. Die Diagnose ist ein Schock und gerüchteweise soll es sogar die Heilungsschancen verbessern.

Na klar, dann geht man da halt mal hin...

Die erste Psychoonkologin die ich aufsuchte, war seeeeehr mitfühlend. Sie schaute mich mit grooooooßen Augen an, zeigte mir die Taschentuchbox auf ihrem Tisch und fragte mitleidig mit salbungsvoller Stimme, wie es mir denn jetzt psychisch gehe? - Ich erklärte, ich sei frustriert (hoffte, wir fänden gemeinsam einen Weg mit dem Frust umzugehen. Ich hatte 2 Wochen Chemotherapie HINTER und 22 VOR mir und das Gefühl die Chemo werde niemals enden!!!). - Sie fragte nach und ich erzählte, dass es mich frustriere, dass es in einer Chemotherapie für manches scheinbar dämliche Alltagsproblem einfach keine Lösungen gebe...

Sie unterbrach mich mit sanfter Stimme und dem klugen Hinweis, es gebe IMMER eine Lösung. - "Nein" - "Doch" - "Nein". -

"Lassen Sie hören, wir finden eine Lösung."

 

Die nächsten Minuten verliefen wie bei Loriot. Ich schilderte ein Problem (z.B. "Mir wird sowohl von leerem Magen, als auch von 99% aller Lebensmittel übel") Sie machte ein paar hilflose naheliegende Vorschläge (z.B. "Legen Sie doch Vorräte an.") und war VÖLLIG baff, dass wir da tatsächlich auch schon selber drauf gekommen waren und es SO einfach nicht war. ("Man hat aber NIE ALLES im Haus, ich weiß WIRKLICH nicht, was dann das EINE Nahrungsmittel ist, was ich runterkriege und ich brauche es dann SOFORT."). Ich versuchte zu erklären, dass wir schon ALLES versucht hatten "...und vom ausprobieren musste ich brechen. Als nächstes versuchte ich es mit flüssiger Nahrung, einem Shake, aber davon wurde..." Sie STRAHLTE "Jetzt hab ich eine Idee: Machen Sie sich doch ein Shake!!!" ...

Auf diesem Niveau versuchten wir es mit drei Problemen:

1) "Bekomme kein Essen runter" (s.o.);

2) "Habe Angst vor den Chemolangzeitwirkungen" (Die Psychoonkologin fand diese nicht besorgnisserregend. Bis auf Gefühlsstörungen in den Händen und Füßen, Nachlassen des Gedächtnisses und kaputter Eierstöcke regeneriere sich das doch alles wieder. "Und das ist ja nicht schlimm" Ach so.)

und

3) "Ich bin immer so furchtbar erschöpft" - Woraufhin ich den ultimativen Rat erhielt, wenn ich müde sei, möge ich versuchen zu schlafen.

 

Meinen Hinweis darauf, dass ich nicht blöd bin (eigentlich als Bitte gemeint mir die Ratschläge für fünfjährige mit Lernbehinderung zu ersparen und "vernünftig" zu reden - Ich erwartete ja gar keine Patentlösung von ihr... ) parierte sie mit der Erwiderung, ich sei selbstverständlich nicht blöd. - Ich befände mich nur in einer extrem schwierigen Phase, da sei die Überforderung ganz normal, dafür sei sie ja da...

 

Herzlichen Dank. Mit solcher Unterstützung fühlt man sich gleich nochmal so schlecht!!!!

 

Diese Psychoonkologin war also raus, den nächsten Termin machte ich bei ihrer Kollegin. Die Kollegin füllte einen Bogen aus.

Psychoonkologin: "Haben Sie Schuldgefühle?" -

Ich: "Ich weiß nicht, was heißt schon 'Schuldgefühle'. Mir tut das schon leid. Mein Mann hat was besserers verdient und für meinen Vater muss das auch grauenhaft sein..." -

Psychoonkologin: "Na DAS ist ja normal. Also haben sie keine Schuldgefühle?"

Ich: ???

Die Psychoonkologin war sichtlich unzufrieden, dass ich auf ihre schönen Ja \ Nein Fragen nicht brav mit "Ja. Schuldgefühle" oder "Nein. Keine Schuldgefühle" antwortete.

 

Sichtlich genervt fragte sie noch, ob ich ein Antidepressivum wolle? - "Nein". - "Ja dann...???." Termin beendet.

 

 

Zu diesem Zeitpunkt wollte ich es lassen. Ich hatte zwei Freundinnen zum reden, einen Mann der mich liebte, Familie und Freunde die alle helfen wollten und keine Lust meine letzten Kräfte darauf zu verwenden mich beim Psychoonkologen wie bei "versteckte Kamera" zu fühlen.

Und exakt DAS erklärte ich meiner Hausärztin, als diese mich fragte wie es mit psychonkologischer Begleitung sei.

Ich halte große große Stücke auf meine Hausärztin. Sie ist Klasse. Und ihr liegt das Wohlergehen ihrer Patienten wirklich am Herzen. Und weil das so ist, hörte ich brav zu, als sie mir erklärte, psychoonkologische Betreuung sei wirklich wichtig. Ich möge das ernst nehmen und bitte noch einen Versuch starten.

 

Mit der Empfehlung einer Psychologin mit gutem Ruf und einem Termin dort versehen, verließ ich die Hausärztin. Bei der Psychologin musste ich eine knappe Stunde warten. Man entschuldigte sich, etwas habe sich verschoben. Kein Problem, das versteh ich doch...

Die Ärztin machte auf den ersten Blick einen sehr sympatischen Eindruck. (Ich freute mich schon). Sie fragte, was sie für mich tun könne? - Ich schilderte meine Situation und dass meine Hausärztin sie empfohlen hatte. "Oh." sagte die Ärztin. Das tue ihr jetzt aber wirklich aufrichtig leid, aber Gesprächstherapien mache sie GAR KEINE. Wenn ich ein Antidepressivum wolle, ja dann...

 

Ich wollte (immer noch) kein Antidepressivum und suchte erneut meine Hausärztin auf. Beim nächsten Versuch (Man lernt) fragten wir bei der Terminvereinbarung ob die Psychologin Gesprächstherapie mache? - "Ja." Na also.

Die Psychologin (diesmal OHNE Onko als Spezialgebiet) erwartete mich mit dem mir bereits bekannten Fragebogen. Außerdem fragte sie ein paar Symptome ab. Ich verwies auf die Nebenwirkungen der Medikamente, ob das nicht das Ergebnis verfälsche? (z.B. Schlafstörungen durch hochdosiertes Kortison). Das sei egal, es gehe ja darum, wie ich mich zur Zeit fühle... Nun, wenn sie meinte. Der Bogen ergab eine schwere Depression, die Psychologin reagierte geschockt. Ob ich ein Antidepressivum...? ...Ich wies sie zum zweiten Mal darauf hin, dass Schlaflosigkeit und Erschöpfung, Apettitlosigkeit und kreisende Gedanken KLASSISCHE Nebenwirkungen seien. Und wenn man die nicht einrechnete... "Ach, von den MEDIKAMENTEN glauben Sie kommt das???" Ich glaubte.

 

Als wir diesen Punkt erreicht hatten, war meine Chemotherapie geschafft. Ich brach die Psychotherapie (die mich bisher nur geärgert hatte) ab. Ich mochte nicht mehr und kein Mensch der Welt kann mich davon überzeugen, dass psychologische Begleitung auch dann hilft, wenn man sich nur über den Psychologen aufregt.

 

Aber ich bin - ich erwähnte es schon - eine ungemein vorbildliche Patientin. Und da man überall hörte, WIE wichtig das sei, nahm ich mir vor die Psychoonkologin der Reha-Klinik in der ich zur Zeit kure zu testen. Heute war es so weit. (5. Versuch!!!) Viel mitleidige Blicke und Taschentücher. Viel heiße Luft, wenig Substanz. Ich wollte es schon als "Gibt mir nix" verwerfen, da hatte ich anhand dessen, was sie sagte eine neue Erkenntnis:

 

Ich mag nicht mehr. Mag keine Ärzte, die mir sagen, wie ich mich fühlen soll. Mag keine billigen Vorschläge und leeren Phrasen von jemandem der mich nicht kennt und der nicht weiß, wie ich ticke. Und Patentrezepte von Menschen, die die Situation in der ich stecke nur aus Büchern kennen mag ich schonmal GAR NICHT!!! Ich bin nicht dumm, wenn es eine simple, ultimative Lösung GÄBE, ich käme auch ohne Psychologen drauf!!! Ich bin wirklich wirklich wirklich ungemein vernünftig gewesen, habe alles getan was mir gesagt wurde - jetzt REICHT es!!!

Und wenn ich keine Patentrezepte und Phrasen, keine naheligenden Vorschläge und mitleidigen Blicke auf Rezept haben möchte, was bleibt den Psychologen schließlich außer mit mir zu reden und empathisch nachzufragen? Sie können ja auch nicht hexen!

Und was das Reden und gezielte Nachfragen angeht, da, ja DA habe ich nicht das Gefühl, dass eine Psychoonkologin IRGENDETWAS klügeres oder hilfreicheres tun könnte, als meine Chemo-Coach-Freundin. Und DIE macht das freiwillig und gern und seit Monaten jeden Tag, zu (fast) jeder Uhrzeit. Weil sie mich mag und weil ihr der Austausch gut tut. Was also könnte mir ein fremder Mensch bieten, der dafür bezahlt wird einmal die Woche eine Stunde lang dieselben Fragen zu stellen?

 

Diese Erkenntnis fand ich SO hilfreich (warum bin ich DA nicht selbst draufgekommen???); dass ich überlege noch einen Psychoonkologen-Termin zu machen. Die hiesige Psychologin ist eine intelligente Frau, sie scheint mir etwas zu sagen zu haben - und wenn es nur  "Sie brauchen keine Psychoonkologin, Sie sind versorgt." ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

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