#N Blut ist dicker als...

Viermal wird die EC - dieser Stoff aus dem die Alpträume sind verabreicht. Drei waren drin. EINMAL noch stark sein...

Ein Patient, der auf seine Chemo wartet, fürchtet wenig so sehr, wie einen Anruf der Klinik. Mein Telefon ging trotzdem. - Schlechte Blutwerte, Chemo gefährdet.

 

Man sollte meinen, es käme letztlich nicht darauf an, ob die Therapie heute, morgen oder nächste Woche verabreicht wird, aber so einfach ist das nicht...

Ihr müsst bedenken, dass das gesamte Leben, ALLE Pläne, jede Verabredung, jeder Einkauf, jeder Arzttermin, jede Tablette, jeder Atemzug AUSSCHLIEẞLICH auf die Chemo abgestimmt ist. Und man würde das ALLES mit FREUDE umschmeißen, wenn dafür nur die Chemo verabreicht werden kann!!! Man hält den Atem an und will es nur irgendwie überstehen. Starrt wie das Kaninchen auf die Schlange...NICHTS anderes hat Bedeutung, ich konnte an nichts anderes denken,  hatte Alpträume und war unausstehlich. Und ich wollte NICHTS so sehr wie dass das Medikament verabreicht wurde, bevor etwas dazwischen kam, oder ich die Nerven verlor. Wie scheußlich es dann weiterging war mir fast egal. Schlechte Blutwerte oder schlechte Verträglichkeit... wenn die Infusion erst einmal DRIN war, konnte ich ja die Nerven verlieren. DANN war es doch egal, ob ich zusammenbrach oder nicht...

 

Und doch hatte ich die Ärztin am Telefon. "Schlechte Blutwerte, wir kontrollieren morgen nochmal".

 

Das einzige was schlimmer ist als auf eine solche Chemo zu warten, ist sich auf sie einzustellen und sie dann nicht zu bekommen. Ich hatte das Gefühl, wenn man mir die Chemo jetzt nicht gäbe - ich brächte den Mut nicht noch einmal auf, sie verabreichen zu lassen. Zur zusätzlichen Blutprobe ging ich wie zur Urteilsverkündung. Und so fühlte es sich auch an... Als würde ich die lebenswichtige Therapie nur schaffen, wenn man sie mir sofort gäbe. Als hinge die Frage "Leben oder Sterben?" an dieser einen Nadel voll Blut... 

Ich bettelte bei der Ärztin. Bitte. Bitte, bitte, bitte - ich schaffte das Warten nicht, sie sollte mir die Chemo freigeben. Ich sei doch ohnehin im Krankenhaus, da sei ich doch sicher unter Kontrolle? Ich könne nicht mehr - Bitte - sie sollten mir die Therapie geben, ehe ich die Nerven verlor... Auf eigenes Risiko - wo ich unterschreiben solle?... Die Ärztin checkte noch einmal die Werte und gab schließlich ihr okay... "doll" seien die Werte nicht, aber wenn ich die Chemo unbedingt wolle,  sei diese "gerade so vertretbar". Dem Himmel sei Dank!!!

 

Ein letzter Kraftakt. Ich schlief kaum in der Nacht vor der Chemo, heulte und zitterte beim Aufbruch und hielt mich während der Infusion nur mühsam senkrecht. Ich musste "nur" dort sitzen. Mir nicht die Nadel herausreißen und kreischend flüchten. Das war alles. Und das allein kostete alles, was ich noch an Nerven und Kräften hatte. Diesmal hatte ich keine Kraft für das Ertragen der Nebenwirkungen gespart. War ja egal, wenn ich es nicht ertragen konnte. Drin, war drin - unerträglich oder nicht... Ich konnte nicht mehr hinwerfen, ich war durch. - Und wenn die zweite Hälfte der Chemo nicht wenigstens auf andere Weise grauenhaft würde - ich hätte die Nerven ohnehin nicht. Egal wie "gut" oder schlecht  ich diese vierte Runde über die Bühne brachte. Es "musste" hier nach einfach besser werden. - musste. Ich war nur ein Mensch und hatte schon jetzt das Gefühl übermenschliches geleistet zu haben. Ich hatte nicht noch einmal drei Monate dieser Art in mir. Was immer der Preis.

 

Es fühlte sich an, als hätte meine Körper sich bis hierher gewehrt und versucht das Gift so gut als möglich zu verarbeiten. Jetzt - so hatte ich den Eindruck - gab er sich geschlagen. JETZT würde das Gift überall offene Türen einrennen. Was von meinen Organen es wohl unwiderbringlich zerstören würde?... Die Nieren vielleicht? Oder die Leber? Mein Gehirn fühlte sich auch nicht gut an, gar nicht gut...Es war schließlich ziemlich blauäugig zu glauben man könne sich immer und immer wieder Gift verabreichen lassen und glauben der Körper stecke das weg... Ich hatte das Gefühl spüren zu können, wie das Gift meinen Körper übernahm. Und mir blieb nichts anderes als im Bett zu liegen und zu warten, was es mir zurückgeben werde - und welche meiner Körperfunktionen wohl für immer verloren waren... auch die Herzfunktion war eine Möglichkeit... oder...

 

Es ist immer wieder interessant, mit wem man das Krankenhauszimmer teilt. (An dieser Stelle meinen aller herzlichsten Dank dafür, dass ich nie mit einer frischgebackenen Mutter zusammen lag. Ich glaube, ich wäre durchgedreht!!!)

 

Die Dame, mit der ich diesmal das Zimmer teilte, zeigte mir wieder einmal, was diese Krankheit mit einem Menschen macht. Sie war bis auf die Knochen abgemagert und ausgemergelt. Sie war so erschöpft, dass sie nicht mehr laufen konnte, so schmerzempfindlich, dass sie beim Portanstechen schrie und weinte. Aber vor allem hatte sie aufgegeben. Sie aß nicht, aber sie verweigerte die künstliche Nahrung über den Port. Sie trank nichts als morgens eine Tasse Kaffee, aber sie wollte keine intravenöse Flüssigkeit. Sie saß im Rollstuhl, aber sie verweigerte die Mitarbeit bei der hauseigenen Physiotherapeutin.

Sie behauptete ihrer Familie zuliebe weiteren Therapien zugestimmt zu haben.

Mein Eindruck war ein anderer: Ich glaube, sie behauptete nur zu kämpfen, damit man sie ihn Ruhe lies. In Wahrheit wartete sie auf den Tod.

 

Mir ging es nicht gut, wirklich nicht, aber in dieser Woche, die ich mit ihr im Zimmer lag, begriff ich, dass ich Recht gehabt hatte mit meiner Angst davor die Nerven zu verlieren: Die Medizin kann heutzutage eine Menge bewirken. Wenn der Patient die Nerven hat, es durchzustehen. Wer die Nerven verliert - verliert den Kampf!!!

 

DURCHHALTEN!!!!! Superheldinnen geben nicht auf!!!!!!!!!!!

 

Nach einer Woche durfte ich nach Hause. Meine Zimmernachbarin blieb noch. Als ich etwa  8 Wochen später ihre Schwester in der Stadt traf, erfuhr ich, dass sie im sterben lag...

 

Während ich im Krankenhaus lag, war das Ergebnis meines Gentests eingetroffen. Im Gegensatz zu Susann, bei der wir auf ein negatives Testergebnis gesetzt hatten, rechnete ICH damals fest mit einem positiven Gentest. Die Mutter an Krebs gestorben, die Schwester mit Anfang dreißig doppelseitiger Brustkrebs und jetzt ich auch mit 36 erkrankt? - Nein, so viel Pech in einer Familie gibt es doch gar nicht...

Ich musste das Testergebnis persönlich abholen, angeblich durfte es nicht einmal meinem Arzt mitgeteilt werden. Ich war sicher: Der Test würde positiv ausgehen,  die Brüste kämen ab. Beide.

Es kam anders und das Ergebnis war, so seltsam das klingt, ein harter Schlag für mich: Negativ. Nichts gefunden.

 

Was immer der Grund ist, warum in meiner Familie eine Krebsdiagnose nach der anderen einschlägt: Die bekannten Krebsgene sind es nicht!!! An der Tatsache, dass ich beim DER familiären  Vorbelastung nicht an Zufall glauben kann änderte das nichts..

 

Ich erklärte trotzdem eine doppelte Mastektomie zu wollen (damals glaubte ich noch, es sei MEINE Entscheidung, wie ich behandelt werde - Ich hatte noch SO viel zu lernen...) und die Ärztin konterte mit einer Statistik: Man hatte vor einigen Jahren ein Experiment gewagt: Bei Frauen mit Hochrisikoprofil aber ohne BRCA Gene hatte man beidseitige Mastektomien vorgenommen. Die Neuerkrankungswerte entsprachen EXAKT dem statistischen Wert der Neuerkrankungen OHNE Mastektomie. Es half alles nichts. "Man kann halt nicht JEDE Zelle entfernen" sagte die Ärztin.

Ich fühlte mich wie vor den Kopf geschlagen. Meine "Ich tue ALLES was es gibt" Theorie hatte ihre Grenze erreicht. Eine gesunde Brust abnehmen, wenn die wenigen Zahlen, DIE es gab den Anschein hatten, das es NICHT helfen werde? - Wozu? Ich hatte sogar meinen Blinddarm noch, obwohl es DABEI bewiesen war, dass es mir eine Blinddarmentzündung ersparen würde, ihn zu entfernen... War es mir wirklich wichtig das BRUSTKREBSrisiko zu senken? - Eigentlich wollte ich doch nicht sterben, nicht wahr? - Welche Risiken sollte ich dann für Null Prozent in der Statistik auf mich nehmen, solange ich mit Blinddarm herumlief, bereitwillig in ein Auto stieg und Schokolade aß? ...

 

Hochrisikonachsorge. Engmaschige Kontrolle. Aber brusterhaltende OP. Das Neuerkrankungsrisiko auf der anderen Seite liegt nach den Unterlagen der Genetiker in den nächsten zehn Jahren bei zehn Prozent. (Das ist höher als das Rezidivrisiko in der erkrankten Brust...) Amputation zwecklos.

 

"Also kann man NICHTS tun?" fragte ich die Ärztin desillusioniert. - "Doch." antwortete sie. "Und das tun sie gerade alles." Es fühlte sich nicht gut an, aber es war die beste Antwort, die ich bekam.

 

Niemand weiß, wo bei uns in der Familie ständig der Krebs herkommt. Niemand weiß, was nützt und was nicht.  Ich habe meine Brüste behalten, die Narbe ist wirklich klein und gut plaziert. Neulich bin ich in der Sauna gefragt worden, wo die Narbe sitzt. - Hübsch sieht es aus... Immerhin...

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Susann (Samstag, 11 Februar 2017 19:13)

    Danke für all die Einblicke, die du gibst! Ein toller Blog- der auch die Überraschungen niederlegt, welche wir positiv wie negativ bewerten können!! Alles Liebe ❤️

  • #2

    Susanne (Sonntag, 12 Februar 2017 11:40)

    Nachtrag bevor hier Missverständnisse aufkommen:

    Mit "Die Medizin kann heute EINE MENGE bewirken. Wer aufgibt, verliert den Kampf!" meine ich NICHT, dass im Umkehrschluss auch jeder der kämpft auch gewinnt und man "nur" durchzuhalten braucht!!!

    Keinesfalls!!!

    Wer "Wie alles begann" gelesen hat, hat den härtesten Kampf gelesen, den ich je gesehen habe und wird wissen, dass ich sowas NIEMALS glauben könnte...
    Ich bin nicht stolz auf die Zähigkeit meiner Mutter. Ich wünschte mir nur, sie hätte früher aufgegeben. Hätte sich nicht so furchtbar gequält.

    Nein, Kampf ist nicht gleich Sieg, keinesfalls!!!!!!

    Und Hoffnung ist nicht immer richtig - manchmal ist es klüger sich in sein Schicksal zu ergeben.

    Aber manchmal - ja manchmal macht es Sinn zu kämpfen und trotzdem fühlt man sich grauenhaft. Und will alles hinwerfen. Und hat das Gefühl nicht durchzuhalten. Und DANN und NUR in diesem Fall und sonst in keinem !!!! Ist es der Kampfgeist, welcher über Leben und Tod entscheidet.

  • #3

    Sabine aus BaWü (Sonntag, 19 Februar 2017 08:38)

    Hinterher ist man klüger. Da kann man beurteilen, ob sich der Kampf "gelohnt" hat oder ob es ein sinnloses Stemmen gegen die Krankheit war. Wenn Du in den Therapien steckst, weißt Du das doch nicht. Mein stolzer Vater wurde von seiner Krebserkrankung so sehr in die Knie gezwungen, seine Füße amputiert , immer wieder ein kleines Stück bis sie irgendwann mal nur noch bis kurz nach der Kniescheibe gingen. War alles sinnlos - aber nicht für ihn. Bis 2 Tage vor seinem Tod hat er geglaubt, dass es für ihn noch weitergeht. Dann hat die Krankheit sein Bewusstsein ausgeschaltet.
    Meine Oma mit ihren 101 Jahren wollte auch noch bleiben und hat "gekämpft", Sinnlosigkeit hin oder her. Selbstverständlich war es auch bei ihr eine unnütze Verlängerung, sehr anstrengend, aber einfach so aufzugeben kam für sie nicht in frage.