#O Von schönen Träumen und harter Realität

Jeder Mensch hat Träume die nicht verwirklicht wurden. Und ich habe mir immer viel auf meinen Realitätssinn eingebildet. Harte Fakten. Bittere Wahrheiten. Ich mache mir nichts vor. Stimmt...

 

PsychoOnkoGruppe.

 

Alle sitzen auf dem Boden und reichen die Taschentücher weiter. Und auch, wenn mir ehr weniger nach erzählen war - denn dafür hab ich ja Euch - war diese Erfahrung wirklich einzigartig...

 

Sie träume von einem Bauernhof in den Bergen erzählte sie.

Und während sie es erzählte, begannen ihre Augen zu leuchten. Und ihr ganzes Gesicht strahlte. Und sie sah so glücklich aus und so strahlend. Und ich konnte es vor mir sehen, wie sie morgens früh aufstünde, zum Kühe melken, Frühstück machen mit frischer Milch und eigenem Käse, während die Sonne aufginge über den Gipfeln und...

 

"unrealistisch"

 

Mit einem einzigen Wort zerbrach der Traum. Das Strahlen verschwand aus ihren Augen und die harte Wirklichkeit hatte sie wieder...

 

Zu den Dingen, für die ich dem Krebs sehr dankbar bin, gehört dass ich sehr außergewöhnliche Menschen kennen gelernt habe. Und so hat auch sie mich sehr beeindruckt. Eine starke Frau. Mutter von fünf Kindern mit Vollzeitjob. Sie wirkte, als sei der Krebs ihr in erster Linie lästig gewesen. Eine Zusatzaufgabe, die sie jetzt auch noch bewältigen musste. OP Termin? Den kriegte sie in ihrer todo-Liste jetzt auch noch unter, alles eine Frage des perfekten Zeitmanagements...

 

Und so wirkte es, als habe sie alles woran wir anderen heftig zu knabbern hatten "mal eben zwischendurch" erledigt. Weil sie was besseres vor hatte als Krebs. Und weil ihr Leben sich um andere Dinge drehte.

 

Und es war ja kein schlechtes Leben und sie liebte Mann und Kinder und sie hatte es so gewollt...

 

Und doch saß sie da jetzt, mit ihrem Traum

 

- "unrealistisch".

 

Ich hatte keine Idee und keinen guten Rat. Wusste nur, was ich ihn ihrer Lage getan hätte: Ich hätte die Fotos von den blauen Bergen und grünen Wiesen in die Mülltonne geknallt. ICH mag nicht von etwas träumen, was ich ja doch nicht haben kann. Es macht mich nur traurig.

Aber DAS wusste sie ja längst, hatte sie mit Sicherheit alles schon zig mal gehört. Und so hielt ich Abstand, denn ich wollte nicht, dass sie das Wort "unrealistisch" in meinen Augen las. Und ich sagte nichts, denn ich finde kaum einen Satz schlimmer als "Nimm's nicht so schwer!" Weil man jawohl WENIGSTENS das Recht hat traurig zu sein, wenn es schwer IST!!!

 

Die Reha ist vorbei. Wir haben keine Psycho-Gruppen mehr, wo wir im Schneidersitz in der Turnhalle sitzen und reihum von unseren Träumen erzählen...

 

Gestern kam ein Brief von ihr: "Wir bleiben in Kontakt, ja?" schrieb sie. Was HABE ich mich gefreut... Und fast noch mehr habe ich mich gefreut, als ich erfuhr, dass sie zu einem Bauernhof in den Bergen gefahren ist um ihn sich anzusehen. Den Stoff aus dem ihre Träume sind.

Um ihn sich anzusehen und zu entscheiden, ob sie das wirklich will.

 

Wirklich, wie in "W i r k l i c h". So mit Beruf aufgeben, Schulden machen, Mann und Kinder bitten ihr gewohntes Umfeld zu verlassen. "Wirklich" wie in noch mehr Arbeit, noch mehr Unsicherheit, noch mehr Druck. Gerade jetzt?

Oder ob es doch nur ein Traum war. Der sie in einer harten Zeit begleitet hat, weil man gelegentlich eben doch etwas zum träumen braucht, wenn die Zeiten hart und das Leben schwierig ist...

 

Und ich, die Zynikerin mit dem harten Realitätssinn und den bitteren Wahrheiten sitze seit dieser Nachricht hier - und träume von blauen Bergen, grünen Wiesen und frischer Luft...

 

Und mir wird klar: Sie hat es gar nicht nötig Träume unreflektiert in die Mülltonne zu knallen. Sie wird tun, was sie will - was denn sonst? Die Frage ist nicht, ob es GEHT. Natürlich "kann" man sowas machen, ist alles schon vorgekommen. Natürlich kriegte sie das hin. Wieso nicht? Aber es ist keine Kleinigkeit und die Frage ist, ob sie den Preis zahlen, oder lieber auf den Bauernhof verzichten will...

 

Ich wette unsere halbe Psycho-Gruppe schaut heute aus dem Fenster. Schaut in den blauen Himmel und denkt an grüne Berghänge mit schneebedeckten Gipfeln und daran, wie sie gestrahlt hat, als sie davon sprach...

 

Ihr wisst, ich bin Realistin!!! Versuche mir niemals etwas vor zu machen!!! Und daher weiß ich, wenn ICH es wäre, ich täte es nicht. Zu viel Angst. Zu viel Stress. 

Ab er die harte Realistin in mir sagt Euch noch was:

Wenn Ihr sie erlebt hättet, würdet Ihr mir glauben. Wenn SIE das will - Dann schafft sie das auch!!!! Sie schafft alles was ihr das Leben kompliziertes anbietet: Krebs. Fünf Kinder. Vollzeitjob. Was ist da ein Bergbauernhof anderes als ein cooles Projekt... wenn's ihr den Aufwand wert ist...

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Tilo (Sonntag, 19 Februar 2017 07:37)

    ... und die Frage ist, ob sie den Preis zahlen, oder lieber auf den Bauernhof verzichten will ...
    Wieso Preis zahlen? Weil sie ihr Leben leben will? Weil sie nicht so denkt wie du? Weil sie anders denkt als andere? Weil sie kein Herdentier ist? ... Und wieso: Die Frage ist? Das ist z.B. die Frage einer Skeptikerin. Auf jeden Fall ist das nicht - die - Frage, sondern allenfalls eine Frage. Und ganz sicher nicht ihre Frage. Es ist ihr Leben, welches sie ganz individuell nach ihren Wünschen gestalten kann. Und sie braucht dafür ganz sicher nicht deine oder die Zustimmung der Gruppe.
    Das Tragen einer Steppjacke weißt nicht unbedingt darauf hin, dass man Willens und in der Lage ist, seinen eigenen Weg zu gehen.

    ... sagt Euch noch was:
    Ich weiß nicht, ob man tatsächlich eine Realistin ist, wenn man glaubt, über anderen zu stehen, sich anmaßt, andere zu bewerten, ...
    Bist du die Ansagerin? Falls du das selbst denkst, glaubst du auch, dass das die anderen auch so sehen?

    Warum schreibst du zum Schluss: ... wenn´s ihr den Aufwand wert ist ... Diese Formulierung hat einen sehr scheinheiligen Unterton. Woher willst du wissen, was es für sie für ein Aufwand ist?

    Alles in allem klingt das alles eher nach Neid. Sie macht etwas aus ihrem Leben. Ist dein glückliches Leben womöglich nur vorgespielt? Wenn dich dein Schreiben zum Nachdenken über dich selbst anregt, hat es ja wenigstens noch etwas Gutes. Aber warum auf dem Rücken von anderen?

    Bevor du mir in einem Nachtrag mit Großbuchstaben erneut erklärst, wie senil ich im Vergleich zu deinen überragenden Eigenschaften bin, noch ein Hinweis.

    Ich war auch zweimal bei einer Reha. Beide male habe ich sie nach der Hälfte abgebrochen und dies anhand objektiver Sachverhalte gegenüber der RV begründet. Aber das nur am Rande.
    Ich kenne also derartige Psycho Runden aus eigener Erfahrung. Wo man sich öffnen soll, ... wo es Tränen gibt, ... wo es oftmals sehr intim wird und nicht selten emotional zugeht.
    Die Inhalte solcher Runden sind aber ganz sicher nicht dafür da, sie in der Öffentlichkeit auszuschlachten, sich über andere öffentlich wertend auszulassen und schon gar nicht, sich selbst zu beweihräuchern, wie super toll man doch ist, im Vergleich zu der vermeintlichen Träumerin!

    Das war übrigens mein letzter Kommentar. Als du noch über dich selbst geschrieben hast, war dein Blog für mich lesenswert. Jetzt nicht mehr. Vielleicht hat es ja auch Gründe, warum ich am 5. Tag der erste (dumme) Kommentar bin.

    Ich wünsche dir dennoch von ganzem Herzen und ganz ehrlich alles erdenklich Gute.

    Tilo

  • #2

    Debbie (Montag, 20 Februar 2017 08:18)

    Hä, was ist das denn für ein Kommentar? Susanne nennt sich selbst eine Zynikerin und schreibt "Sie hat es gar nicht nötig Träume unreflektiert in die Mülltonne zu knallen." - das ist doch keine negative Wertung über die Rehakollegin, eher umgekehrt. Die "Öffentlichkeit" ist das hier ja auch kaum - ohne Namen usw.

    Hat hier jemand den Sinn von einem Blog nicht verstanden: online eine Art Tagebuch führen mit eigener Meinung? Ich finde, dass man sich im Tagebuch von jemand anderem wertschätzend bewegen sollte mit Kommentaren.

    Und nur um mich hierzu zu outen: "Vielleicht hat es ja auch Gründe, warum ich am 5. Tag der erste (dumme) Kommentar bin." - Ich bin eine stillere Leserin. Weil mich als selbst Betroffene die Posts von Susanne manchmal so positiv bewegen, dass mir die Worte fehlen und ich dann lieber still bleibe. #lesenwert

  • #3

    Susanne (Montag, 20 Februar 2017 09:21)

    Danke Debbie. :-)

    Also falls sich hier noch jemand Sorgen macht: (Tilo habe ich ja anscheinend vergrault, dem brauch ich nicht mehr antworten)
    Ich habe diesen Artikel für eine starke beeindruckende Frau geschrieben. Ich hab ihn zu allererst IHR geschickt. Ich schrieb "Ich hoffe er gefällt Dir. Denn völlig egal, ob ich ihn veröffentliche oder nicht - er ist für Dich."
    Ich erwarte wirklich nicht, dass Ihr gutheißt, was ich schreibe oder denke. Wenn ich es allen recht machen wollte, ich schlösse das Blog. Aber um die Heldin des Artikels braucht Ihr Euch nicht sorgen. IHR hat der Text gefallen. - SIE fand er dürfe hier veröffentlicht werden. Sonst stünde er hier nicht.
    Ich würde auch nicht "Neid" sagen, sondern lieber "Bewunderung". Aber "What' s in a name?"

Supergirls don't cry! Aber manchmal weinen sie! Sie schluchzen und müssen auch ins Tal der Tränen! Denn da muss man manchmal hin, damit das für die alte Seele auch erträglich ist! Es ist wie ein Hamam, danach kommt man butterweich und gefestigt zurück.