#S Von Wissen und Unwissenheit

Ich habe früher nie verstanden, warum jemand eine bittere Wahrheit nicht wissen möchte. "Davon, dass wir nicht drüber reden wird es auch nicht besser." sagte ich gern. Stimmt. Oder?

Was ich bemerkenswert finde ist, dass "Wissen" manchmal mit "Wahrheit" gleichgesetzt wird. Was dazu führt, dass nur das wahr ist, was man kennt... "Seit wann hatten Sie Krebs?" fragte mich mein Kardiologe. Ich: "keine Ahnung???" - Er meinte das Datum der Diagnose. Am 15.März 2016 war ich nach seiner Definition noch gesund...

WAR ich aber nicht!!! (offenbar, denn sonst hätte man mir am 16. März ja gar kein Untersuchungsergebniss präsentieren können.) Und so war ich nach der Diagnose froh, dass der Krebs entdeckt war (Es wäre mit Sicherheit nicht besser geworden!) und so verstand ich im Chemo-Raum die eine Miterkrankte nicht, die erklärte den Gentest abgelehnt zu haben: "Das will ich gar nicht wissen." Als ob ein Gendefekt sich beeinflussen ließe von einer Weigerung ihn zur Kenntnis zu nehmen...

Ich war mir sicher: ICH will es wissen. Alles. Dann kann ich damit umgehen...

 

Vorgestern war die erste Hochrisikonachsorge. Die Untersuchungsräume lagen in einem kafkaesk-anmutenden Keller mit Neonröhren und langen Fluren. Die paar hingequetschten Stühle und Zeitungen machten es aus meiner Sicht ehr schlimmer als besser, ein hilfloser Versuch einen Wartebereich einzurichten, wo man offenbar gleichzeitig stundenlang auf Abruf bereit sitzen sollte und gleichzeitig nicht im Weg stehen, während dort GEARBEITET wird. Ich war für 16 Uhr bestellt. Eine Stunde später als ursprünglich geplant, denn das Gerät für die Mammographie wurde gewartet. Dafür muss ich nächste Woche nochmal hin...

Ich war für 16 Uhr bestellt. Um 17Uhr war ich dran. Ultraschall. Wieder warten. Das Aufklärungsgespräch vor'm MRT war das kürzeste, was ich je erlebt habe, alle wollten offenbar nach Hause (kein Wunder, es war inzwischen 18.30 Uhr). Wieder warten. Die 30 Minuten in völlig verkrampfter Haltung mit nach oben gestreckten Armen auf dem Bauch liegen (NICHT bewegen!!!) waren noch der angenehmste Teil der ganzen Geschichte und das obwohl ich Rückenprobleme habe und mir nach der Hälfte der Zeit die Arme einschliefen. Um 20Uhr war ich fertig (vier Stunden. Hätten alle Geräte funktioniert, wären es fünf gewesen.). Und man erklärte mir mit strahlendem Lächeln, das Ergebnis bekäme ich (selbstverständlich) heute nicht mehr - es sei ja kein Arzt mehr da. Um die Uhrzeit!!! Ich brauche auch nicht anrufen, es werde zugeschickt. "Vielleicht schon nächste Woche." 😎😎😎

warten.

Und obwohl ich mit dem sicheren "Quatsch, ich hatte eine PCR, so schnell kommt da nichts wieder!!!" Gefühl zur Untersuchung gefahren war... nach den vier Stunden auf diesen Kellerfluren fühlte ich mich dem Tode geweiht und dazu verdammt den Rest meines Lebens in solchen Fluren zu hocken und zu warten. Ich wollte Euch eigentlich gestern schon davon erzählen, aber das ging nicht. Ich hing den halben Tag über'm Klo und hab den Rest der Zeit geheult.

 

Nächste Woche soll ich wieder hin. Die ausgefallene Mammographie. Teil des Programms. Das heißt zwei Stunden hin (die Hochrisikonachsorge läuft bei den Unikliniken der größeren Städte), Mammographie, zwei Stunden her. In der Mammographie bei meiner Diagnose hat man NICHTS gesehen, also wahrscheinlich sinnlos.

Und DAFÜR wieder Stunden auf diesen Fluren hocken, bis ich nur noch mit heulen und brechen und im Bett liegen reagiere?

Und in meinem Hinterkopf höre ich ihre Stimme "Das will ich gar nicht wissen." und plötzlich verstehe ich, was sie gemeint hat (?)... Dass das Leben zu kurz ist, um es in Krankenhauskellern zu verschwenden. Dass die Untersuchungsergebnisse zu ungenau sind, um sich auf sie zu verlassen. Dass wir alle so lange leben bis wir sterben, mit und ohne Ärzte und sowieso. Und dass es vielleicht einfach nur dumm ist Stunden, Tage, Monate auf Therapien mit ungewissem Ausgang zu verschwenden, statt diese Stunden, Tage, Monate mit DEM zu füllen, was wir lieben. Denn das EINZIGE was wir wissen ist doch das: JETZT gerade sind wir nicht tot...

 

Nächste Woche habe ich einen Termin zur Mammographie. Und ich überlege, ob es mir das wert ist, erwäge ihn abzusagen. Und ich weiß, wenn ich das täte würde ich überall "Sind Sie VERRÜCKT???? In Ihrer Lage! Ich verstehe ja, dass Sie das belastet, aber Sie MÜSSEN die Termine einhalten!!!!" hören. Aber ich weiß auch, was ich antworten würde: "Ich will es nicht wissen."

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