#T "Gut. Danke"

Zu den Gründen, warum eine Chemotherapie so schwer zu beschreiben ist, gehört der, dass sie so ANDERS ist.

 

Es ist, als hätte die Welt die Richtung geändert, hätte früher mit dem Uhrzeigersinn gedreht und drehe jetzt gegen den Uhrzeigersinn. Aber nur für einen selbst. Alle um mich herum drehten weiter im Uhrzeigersinn und sagten "Hallo???? Was tust Du denn dahinten????" wenn ich an ihnen vorbei in die Gegenrichtung drehte...

"Wie geht es Dir auf einer Skala von eins bis sechs?" fragte meine Tante. Ich überlegte. Ich hatte mich an dem Tag nicht übergeben. Ich hatte "nur" normale Migräne nicht dieses "Ich würde ja vor Schmerzen schreien, wenn es davon nicht noch schlimmer würde" Gefühl und mein Gehirn funktionierte gut genug um mit ihr zu telefonieren. - Ein überdurchschnittlich guter Tag!!! "Zwei Minus?"sagte ich.

 

"SUPER!" strahlte meine Tante. "Dann könntest Du mich ja besuchen! Oder in's Konzert gehen. Ein Ausflug wird Dir gut tun..."

... Ausflug? ...

Meine "Ausflüge" waren meine Küche, dann der Supermarkt und die Eisdiele an der Ecke. Der hiesige Zoo, wenn es gut ging... Mit Sonnenschirm, denn ich vertrug GAR keinen Sonnenstrahl. Schön langsam, aber dafür in Schlangenlinien. Autofahren war schlecht und U-Bahn ging gar nicht.  Alles abgestimmt auf Wetter (KEINE SONNE!!!) meine Essens-Zeiten und Essens-Vorlieben. Mit Tabletten und Klamotten und Sonnencreme und Schuhe an - Schuhe aus - Schuhe an...

 

Ja, irgendwo da draußen gab es angeblich eine Welt, in der die Menschen mit den Fahrrädern zum Badesee fuhren. Ich erinnerte mich dunkel. Aber SO eine Verfassung kam auf meiner Skala nicht vor. DAS war nicht die eins mit Sternchen - DAS war ein Traum von einer anderen Welt.

"Aber Du hast doch gerade gesagt, es gehe gut?" meine Tante war völlig ratlos. Ebenso völlig ratlos wie ich. Denn es GING gut. Der Tag WAR überdurchschnittlich!!! Ich war bis vor fünf Minuten noch froh und dankbar gewesen, WIE gut es ging.  Denn wären alle Tage in der Chemo so gewesen... Ich hätte niemals daran gezweifelt, dass ich durchhalten würde. Der Tag war erträglich. Und "erträglich" war das neue "großartig"!!!! Denn die Parole hieß "durchhalten".

 

Es ist etwas, was den Umgang eines Chemo-Patienten mit dem Rest der Welt so schwierig macht: Es ist eine andere Welt. Und obwohl man in einer anderen Welt lebt, gebraucht man dieselbe Sprache (Wir haben ja nur die eine!!!!) aber die Worte bedeuten etwas anderes. Es ist "gut" wenn man in der Nacht 3 Stunden schlafen konnte, wenn es davor in der Nacht praktisch keinen Schlaf gab. Es ist "gut" wenn man die Maximaldosis Schmerzmittel um eine Tablette reduzieren kann. Es ist "gut" wenn man etwas gegen die Nebenwirkungen der Nebenwirkungsmedikamente findet. Es ist "gut" wenn man mal wieder gelacht hat. "gut" wenn wieder eine Infusion geschafft ist. "gut" wenn die Blutwerte in Ordnung waren. "gut" wenn man sich keine Infektion eingefangen hat.

gut

gut

gut

Und es ist ABSOLUT ZUM KOTZEN!!!!!!!!!!!!!!! Dass man SO EINE SCHEI**** als "GUT" empfindet, dass man DANKBAR ist für mäßige Schmerzen (besser als "starke Schmerzen") für leichte Übelkeit (besser als "furchtbar übel") und irgendwie erträgliche Tage (besser als "unerträglich")!!!

 

Und der Mensch der gefragt hat, erzählt von den Kindern im Kindergarten (sieht nicht so aus, als würde ich noch schwanger), vom Job (kann nicht arbeiten), vom Hausbau (sieht nicht so aus, als würde ich...), vom Urlaub und vom Heiraten. Und ich will das alles WISSEN, denn es gibt NICHTS neues außer den Blutwerten, dem Krankenhaus und der Frage ob ich mich grauenhaft oder halb-grauenhaft fühle und es ist an guten Tagen echt STINKlangweilig hier - und auch dafür war ich dankbar, denn an schlechten Tagen...

 

"Aber Susanne, wie geht es DIR denn ?" - "Mir? Gut, Danke. Erzähl weiter! Was hat Dein Chef dann  gesagt?..."

 

Ich sage ja... eine andere Welt... 

 

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Debbie (Sonntag, 12 März 2017 13:37)

    Ich hatte auch den Eindruck meine Welt sei gestoppt und nur alles andere lief in eine völlig andere Richtung. Als die WM 2014 lief feierte ganz Deutschland. Abends zog der Grillgeruch in unsere Wohnung. Die Nachbarskinder spielten lachend in der Sonne im Garten.
    Ich überlegte, ob meine Kraft reichen würde für Aufstehen, Duschen und Couch. Noch heute bekomme ich manchmal so einen Flashback und bin dann dankbar, dankbar, dankbar. Ich bin wieder "drin" im Leben, es findet wieder mit mir statt.

  • #2

    Susl (Mittwoch, 29 März 2017 05:49)

    Das war mal wieder ein guter Gedanke, die andere Welt so auszudrücken. Umarm dich!

  • #3

    Maggie (Dienstag, 11 Juli 2017 14:31)

    Das hast Du so treffend beschrieben. Großartig!
    "Wie geht es Dir heute?", lautet die Frage, die mir (noch mittendrin in der Chemotherapie) fast täglich von Freunden und Vetwandten gestellt wird. "Das wollt Ihr so genau doch gar nicht wissen", denke ich und antworte oft: "Danke, es geht". Spürbare Erleichterung am anderen Ende des Telefons ... Wirklich jammern (das tut manchmal sooo gut!), das mach ich nur noch bei Menschen, die wissen, wovon ich rede. Zu denen gehörst Du definitiv und zum Glück auch einige andere.
    Danke!