#41 Noch einmal schlafen

Nur Gesundung ist noch schöner als Gesundheit. (Gerhard Kocher)

Manchmal möchte ich mich entschuldigen, dass ich für die Alltagsprobleme anderer keine Antwort habe. Auch dafür, dass ich das nötige Verständnis nicht immer zeige, es kommt sicher wieder.

Derzeit bin ich nervös und unsicher.
Wie soll ich mit der Krankheit nach außen auftreten? Ich bin ehemaligen Kollegen aus der Beratung begegnet und war restlos überfordert. Zum einen will ich es nicht verleugnen, dass ich krank bin und Sorgen habe. Zum anderen, will ich nicht unbedingt sagen, was es ist.

Die schockierten Blicke oder die Schritte zurück ... oh nein, das hatten wir schon. 
Aber dann die Leute im Glauben lassen, dass ich ein Burnout hätte, finde ich auch merkwürdig. So tun, als wäre alles bestens - gelingt mir nicht auf längere Zeit. Das Gegenüber merkt etwas. Verstellen ist viel zu anstrengend.

Meine Schwester war zu Besuch, wenn Familie da ist, fühlt es sich ganz anders an. Verbundenheit und Nähe eben. 
Ich bin immer noch so schlecht im Loslassen. Wir haben meinen Kleiderschrank ausgemistet und ich habe mich sichtlich schwer getan. Dieser Rock ist aus Indien, der Pulli aus Chile ... 
Auch große Schwestern sind manchmal klein.

Noch einmal schlafen. Dann geht's ins Krankenhaus. Ich bin sehr nervös. Da ist so viel Angst. Unbehagen. 
Jetzt muss ich Tschüss sagen.
Ein Stück meiner Weiblichkeit verabschieden. Ich wusste es seit Wochen, aber nun ist es soweit. Der Tag der Tage ist gekommen.        

Ich habe wieder geträumt- diesmal vom Abschied nehmen. Es war eine kleine Zeremonie, vier Kinder haben für mich gesungen, mein Bekannter stand neben mir und wir tranken Kaffee. Einen Kaffee ☕️ zum Ade sagen.

Wie wird es sich anfühlen? 
Wie wird es heilen?
Werden sie mir gefallen? 
Wird es sehr wehtun?
Werde ich wieder ganz gesund?

Im Krankenhaus werde ich erfahren, ob es eine Nachbehandlung geben wird. Das Gewebe der beiden Tumore wird nach der Operation pathologisch untersucht. Vor allem möchte ich wissen, welcher Regressionsgrad durch die Chemotherapie erreicht wurde. Es gibt vier Grade, umso mehr ich erreiche, desto besser ist es. 
Der Grad 4 wäre eine Komplettremission

Auch die detaillierten Eigenschaften der Tumore werden geprüft und mit der Biopsie von Juli verglichen. 
Danach gibt es noch ein finales Gespräch mit dem behandelnden Arzt und dann ist auch ein Ende der Krankenhausbehandlung in Sicht.

Die Blutwerte haben sich gebessert. Die Leukos und das Hämoglobin sind endlich gestiegen. Auf meinem Kopf ist nur ein Flaum sichtbar. Die Farbe ist noch immer mausgrau.

Anne hat mir den Flaum wieder rasiert. 

Meine Wimpern und Augenbrauen sind kaum noch vorhanden. Kajal und Augenbrauenstift verdecken das gut. Ich bin noch immer dankbar für den Schminkkurs der DKMS. 
 
Die Nägel brechen ab, nichts geht über Nagellack und Nagelhärter. Meine Bauchprobleme und die Neuropathie an Füßen und Händen haben sich gebessert. Das Gewicht steigt.                      
Die Hitzewellen durch die künstlichen Wechseljahre kommen mehrmals täglich. 
Auch die Gelenkschmerzen bleiben.
Nun gut. Noch einmal schlafen. Alles wird gut.

Nichts ist unmöglich; es gibt Wege, die aus jeder Situation führen, und wenn unser Wille stark genug ist, werden wir immer die notwendigen Mittel finden. Es ist oft lediglich eine Ausrede, wenn wir sagen, Dinge seien unmöglich. (Francois de la Rochefoucauld)

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Kommentare: 6
  • #1

    Susanne (Dienstag, 21 März 2017 07:53)

    ... Ach, ich erinnere mich an die Tage vor meiner OP. Ich war ein Nervenbündel! Ich nahm damals die erste und einzige Beruhigungstablette meines Lebens. Die Chemo noch in allen Gliedern soll man schon WIEDER stark sein!!! Als hätte man nicht gerade monatelang NICHTS anderes getan als stärker als stark, tapferer als tapfer, tougher als tough zu sein...
    Wenn die OP erstmal geschafft ist, wirst Du Dich besser fühlen!!! Weil es dann AUFWÄRTS geht.
    Kein Gift mehr.
    Keine OP mehr.
    Erholen.
    Heilen.
    Durchatmen.
    Heulen.
    Realisieren, was da passiert ist...

    Wenn Du die OP geschafft hast - dann ist es vorbei!!!

    Drücke alle Daumen für eine PCR!!!

    Fast geschafft!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

  • #2

    Debbie (Dienstag, 21 März 2017 11:01)

    Alles Gute auch von mir und alle Daumen gedrückt: der Vorteil der OP ist, dass man sie - im Gegensatz zur Chemo - im Tiefschlaf abbekommt ;-)
    Du wirst vorher wie nachher eine wunderschöne Frau sein!

    Und vielleicht fühlt es sich auch irgendwann richtig an, die Diagnose zu teilen. Ich teile sie überall, denn ich konnte vorher die KrebsÜBERLEBENDEN nicht sehen. Seit ich meine Geschichte erzähle, lerne ich überall Überlebende kennen und neu Betroffene haben mich auch als Ermutigung vor Augen. Und wenn man nicht ins Detail gehen will, kann man ja sagen "Ich hatte Krebs, ich mag nicht drüber sprechen."
    Letzte Woche war ich auf einem beruflichen Seminar und es ging um die Frage wo ich 2014 war. Ich habe erzählt wo ich war. Da erzählt der Kollege: 2000 hatte er einen Tumor im Herzen. 2014 Leukämie. Und er ist da und leitet seine Firma. Das Gespräch hat mich sehr glücklich gemacht.

  • #3

    Sabine (Dienstag, 21 März 2017 11:10)

    Liebe Susl, ich hab zwar nur eine Brust verloren und ich kann mir annähernd vorstellen, wie du dich fühlst. Am Abend vor der OP hab ich damals vor gut 5 Jahren Germanys Next Topmodel geschaut und meinen Fencheltee und Zwieback gefuttert, weil ich ja nüchtern bleiben musste.
    Eine Schlaftablette hat mir geholfen, aber sonst gings. Sogar die "Leck-mich-am-Arsch-Pille" kurz vor der OP am Morgen hat man vergessen und ich hab sie nicht gebraucht.
    6 Stunden hat meine OP gedauert. Ich hatte aber auch einen Aufbau aus meinem Bauchgewebe.
    Aufgewacht bin ich ziemlich verdattert und völlig im Eimer. Allerdings hatte ich zu keinem Zeitpunkt Schmerzen. Weder an der Brust noch am Bauch. Am zweiten Tag hab ich schon Kollegen empfangen und jeder war verdattert, wie gut ich aussehe. Die Chemo kam ja erst 8 Wochen nach der OP.
    Um Schmerzen musst du dir echt keine Gedanken machen. Ich weiß du wirst das ganz toll schaffen. genau wie bisher auch. Du bist eine starke Frau und so eine Geschichte macht einen nur noch stärker. Man schaut auf all die anderen mit ihren Alltagssorgen etwas müde lächelnd herab. Anfangs fand ich das etwas vermessen. Mittlerweile ist das für mich völlig normal, denn ich hab irgendwie deren Gedankenwelt verlassen, lebe gut damit und finde das völlig legitim.
    Es tut mir nur leid, dass wir es nicht (vielmehr ich) geschafft habe, dass wir uns noch treffen. Vorallem wo wir doch Nachbarn sind.
    Mein Schatz macht jetzt besagte Protonentherapie. Ich habe ja auch zwei Daumen, die ich drücken kann und werde. Ich wünsche dir von Herzen viel Kraft und ich bin überzeugt, dass du auch das mit Bravour meisterst. Fühl dich umärmelt! :)

  • #4

    Susanita (Mittwoch, 22 März 2017 19:52)

    Ich bin in Gedanken bei dir!!!

  • #5

    Sabine (Donnerstag, 23 März 2017 18:47)

    Susi - was soll ich sagen?
    Alles was du hier miedergeschrieben hast geht einen durch Mark und Bein - nicht negativ sondern positiv. Mach weiter - den längsten Weg hast du hinter dir grelassen - liebe Grüße sabine

  • #6

    Franzi (Montag, 27 März 2017 09:28)

    Liebe Susl, ich bin in Gedanken bei dir und sende dir Stärke. Du schaffst das, ein letzter großer Schritt und dann bist du frei!

Supergirls don't cry! Aber manchmal weinen sie! Sie schluchzen und müssen auch ins Tal der Tränen! Denn da muss man manchmal hin, damit das für die alte Seele auch erträglich ist! Es ist wie ein Hamam, danach kommt man butterweich und gefestigt zurück.