#U Von den eigenen Grenzen

Die Therapie ist geschafft, die Reha ist vorbei, ich habe wieder Haare (wenn auch nicht bis zur Taille.)

 

Alles wieder normal. Oder?

Ich habe gerade versucht mir ein neues Fitness Center zu suchen. Denn der brave Krebspatient treibt Sport.

 

So viel wie möglich, denn Sport ist gut. Gut gegen Krebs. Gut gegen Langzeitfolgen der Chemo. Gut gegen Nebenwirkungen der Antihormone. Gut gegen Angst. Gut gegen Alles.

Nun war ich bis gestern der Meinung das mit dem Sport ziemlich gut hinbekommen zu haben. Nach drei Monaten im Bett hatte ich noch in der Chemo wieder mit dem Sport angefangen. Mindestens dreimal die Woche. Manchmal sogar mehr. Ich hatte eine sehr sportliche Reha gewählt und hatte es gemocht. War weiterhin regelmäßig im Fitnessstudio - ich fand mich klasse.

Und in diesem "Ich bin klasse!!!" Gefühl betrat ich das neue Fitness Studio (das alte ist ein Reha-Studio und jeder außer mir dort ist im Rentenalter...) und erklärte strahlend dem Trainer ich wolle weiter Kraft aufbauen, Kondition steigern, Gewicht halten... Weitermachen wie bisher halt...

Auf dessen Reaktion war ich allerdings nicht gefasst: Es sei HÖCHSTE Zeit, dass ich etwas tue, das gehe so ABSOLUT gar nicht!!! Ich sei DERMAßEN außer Form, also nein, so könne das nicht bleiben, ich möge mich mal zusammen reißen!!!!!!! Mein Hinweis, dass ich nach einem halben Jahr Krankenhaus-Hopping und Giftinfusionen ja buchstäblich bei NULL angefangen hatte und demnach noch keine Wunder zu erwarten seien, wischte er vom Tisch. "Jaja, dann wird es Zeit den Arsch hochzukriegen!"

 

Als ich das Probetraining überlebt hatte, war ich fix und fertig, der Tag gelaufen.

 

Und ich stehe vor der Frage: Was soll eigentlich dieses ständige Grenzen überschreiten?

 

Es kommt mir wie eine Modeerscheinung vor. "Über alle Grenzen hinausgewachsen" "Sich selbst übertreffen" "Alles geben!!!" und wie sich das alles nennt.

 

"Schlank in acht Wochen" , fit in sechs, wahrscheinlich gibt es auch ein Trainingsprogramm, mit dem ich in vier Wochen klug oder in zwei Wochen sympathisch werde...

 

Und ich stelle fest: Es REICHT mir. Ich bin mit der Chemo über ALLE meine Grenzen gleichzeitig gegangen. Physische, Psychische, Emotionale und was-weiß-ich-wie-diese-Grenze-heißt Grenzen. Es war eine Grenzerfahrung ganz eigener Art.  Ich habe ALLES bewiesen, was es zum Thema Selbstbeherrschung, Tapferkeit und Grenzüberschreitungen zu beweisen gab. Und diese Erfahrung reicht, wenn es nach mir geht fürs ganze Leben!!!!!

Dieses ewige Bedürfnis höher, schneller, weiter, besser... nein, ich habe es nicht mehr!

 

Ich will keine Modell-Figur und keinen Marathon laufen. Will nicht bei schöner Wohnen teilnehmen und keinen Nobell-Preis gewinnen. Ich brauche keine 5Mio Klicks und keine 3000 follower auf meinem blog, mein Freundeskreis ist mit Liebe ausgewählt und den tollsten Mann der Welt habe ich schon.

 

Ich will einfach nur ein bisschen Ruhe. Frieden. Will auf meinem Balkon sitzen. Will mit dem Fahrrad fahren. Ich will schwimmen gehen, will kochen und lachen und lesen und heißen Kakao trinken und DVDs gucken. Ich will mit Freundinnen Kaffee trinken und reden. Will philosophische Debatten über Gott und die Welt und hirnrissige Kinofilme. Will schweigen und will singen. Will die Bude voll Freunde und mit meinem Mann allein sein. Ich will am Strand spazieren gehen und die Füße ins Wasser stecken... und  und...

Und ich will KEINE Chemo. KEINE Grenzerfahrungen. KEINE spektakulären Aktionen. Ich will keine Wunder und keine Tapferkeitsmedaille, will niemanden beeindrucken, keine erwähnenswerten Ereignisse und keine Bühnenreifen Stunds.

 

Danke, kein Bedarf. Mein Bedarf an Abenteuern ist gedeckt. Ich will nur noch staubtrockene Normalität, will stinklangweilig sein und nichts tun als rumsitzen...

Und DESHALB werde ich in kein "Beweg Deinen fetten Arsch!!!" Fitnesscenter gehen, in keinem "Jetzt KONZENTRIER Dich gefälligst!!!" Chor mehr singen und keinen "Wir müssen diese Durststrecke überwinden!" Job mehr machen.

 

Ich mach es nicht mehr.

 

So viel Sport wie möglich?

 

Ich werde Euch sagen, was mir "möglich" ist:

Die normalen Alltagswege zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Zweimal die Woche eine halbe Stunde Krafttraining an Geräten im Oma-Modus schön vorsichtig mit meiner linken Schulter, die nach der OP immer noch meckert und meinem Nacken, der schon seit 15 Jahren Ärger macht...  Und dazu ein, zwei nette Sport-Kurse, nur so zum Spaß. Aqua Fit? Yoga? Wo keiner schreit, sondern alle "Schön dass Du dabei bist!" sagen... Und wisst Ihr was?  Ich finde wenn ich das hinkriege ist das SUPER. Und  DAFÜR brauche ich niemanden, der hinter mir steht und brüllt. Denn DAZU hab ich sowieso Lust.

 

"Soviel Sport wie möglich"??? Schön. Mehr ist mir nicht möglich. Da ist meine Grenze. Ja, jenseits der Grenze ist das Ende des Regenbogens und dort liegen wer-weiß-was-für Töpfe voll Gold verborgen. Glaube ich Euch. Aber ich brauch gar keinen Topf voll Gold. Und deshalb bleib ich einfach hier sitzen und sehe mir den Regenbogen an. Ihr könnt aufhören zu schreien. Ich hab's verstanden. Danke - aber Nein, Danke. Ich mach's nicht mehr.

 

Erstaunlich, wozu so eine Chemo so alles gut ist...

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Kommentare: 1
  • #1

    Susl (Montag, 03 April 2017 18:46)

    Ja, erstaunlich. Klingt gut � deine Entscheidung. Mir geht es mit dem Thema Macht so - an Sport habe ich mich noch nicht rangewagt - drück dir die Daumen, dass du tolle Kurse findest. Aqua fit und Yoga klingt auf jeden Fall nach mehr Spaß. Busserl