#48 Ichsein

Mögest du leben, solange du willst. Und es wollen, solange du lebst. (Altirischer Segenswunsch)

Danke liebe Susanne, das war ein bewegender und wahrer Brief zum Geburtstag! Lässt mich nachdenken und erinnert daran - bewusst zu leben.


Ein Jahr älter bin ich nun, 34 Jahre. Mein Geburtstag war ganz gut. Ich habe zahlreiche Glückwünsche bekommen und viel telefoniert. Dann habe ich einen Geburtstagskuchen gebacken und meinen Besuch für Kaffee & Kuchen empfangen.
Der Kuchen war lecker und trotz, dass ich für alles so viel Zeit brauchte, war ich überglücklich.

Nur mit Lola war es an diesem Tag ein Desaster. Ich bekam die Haare nicht schön. Also brachte ich Lola zum Friseur ums Eck. Zum Herrichten. Denn ich wollte gut aussehen am Geburtstag.
Mit einer halben Stunde Verspätung traf ich dann bei meinen Freundinnen im Glockenbach ein, ein wenig stürmisch á la "Tina Turner".
Schließlich hatte sich alles gelegt: Meine Aufregung, mein wildes Haar und den Abend konnte ich auch genießen. Für mich hieß es jedoch Alkoholverbot -  die ganze Aufregung hatte mich körperlich überfordert. Meine rechte Brust schwoll an und ich hatte arge Schmerzen. Daher kam Ibu zum Einsatz in Begleitung vieler Saftschorlen. 
Tags darauf kam ich nur schwer aus dem Bett. Ich fühlte mich, als wäre ich verkatert.
Dieses Gefühl hielt das gesamte Wochenende an und ich nahm wieder Schmerzmittel wegen der Brustschmerzen. Sonntag gab es nochmals allerlei Besuch, ich hatte liebe Mädels zum Brunchen eingeladen. Nichtsdestotrotz fuhr ich dann am Montagmorgen in die Klinik um die Schmerzen abklären zu lassen. 
Meine Operateurin schaute sich die Brust per Ultraschall an und machte eine Punktion. Es wurde Wundwasser abgezogen. Sie sagte mir, dass es gut ist, dass ich da bin und dass ich mich übernommen hätte.
Vier Tage später kamen die selben Symptome wieder. Die Brust war geschwollen, es gab Schmerzen und eine unruhige Nacht.
Ich ging diese Woche jedoch drei Mal zur Lymphdrainage und sprach mit meiner Physiotherapeutin. Sie bat mich die Brust weiterhin zu beobachten. Sobald es schlimmer wird, soll ich in die Klinik gehen.
Zudem begann ich Quarkwickel auf die Brust zu legen. Dies hilft, die Schwellung und Schmerzen klein zu halten.

Nun zu einem anderen Thema. Ich bin das erste Mal zum BRCA-Netzwerk in München gegangen. Dieses Netzwerk richtet sich an Frauen mit Gendefekten bezüglich Brust- und Eierstockkrebs.
In jeder größeren Stadt gibt es einmal pro Monat Gesprächskreise dazu. 
Willkommen sind diejenigen, die erkrankt oder gesund, jedoch familiär vorbelastet sind. Das heißt, dort sind auch Menschen, die ein Gen in sich tragen, nur eben nicht erkrankt sind. Sie finden in dem Kreis Antworten zu prophylaktischen Operationen, Ratschläge und Kontakte.  
Letztendlich brauchte ich sechs Monate um an dem Treffen teilzunehmen. Zuvor hatte ich zwei Mal mit der Leiterin in München wegen der OP telefoniert. Es kostete mich jede Menge Mut und Willen dort hinzugehen.
Im Ganzen war es ein spannender Abend. Der Austausch mit den Damen hat mir gut gefallen, ich habe viel gelernt und vor allem Menschen getroffen, die dieselbe Op, wie ich, hatten. Wir haben über den Eingriff gesprochen, über Nebenwirkungen und Ergebnisse. Alles in allem bin ich und kann ich zufrieden sein. 
Manchmal ist das mit dem "Ich will die sein, die ich wirklich bin." wahrlich schwierig. Dann überkommt es mich, wenn z.B. Leute laut denken. Weil sie helfen wollen, aber keine Ahnung haben von dem ,was sie sagen. Ich muss mich besser trainieren. Ich übe noch und sage mir folgendes: "Bleib bei dir, Susann! Egal, was draußen passiert."

Es gibt immer Menschen, welche Ratschläge geben. Aber Ratschläge können auch Schläge sein. Es ist mein Leben. Mein Körper. Meine Geschichte. 

Vertrauen fiel mir in den letzten Tagen schwerer. Es war komplizierter authentisch zu sein, -  als würde mein Ich brökeln. Dieses Vertrauen ist auch auf meinen Körper bezogen. Vertrauen, dass er heilt und heile bleibt.

Derzeit sind die Tage mit mehr Zeit für mich behaftet. Ich miste noch immer aus, bastle Collagen. Ich bin auf der Suche nach mir. Ich schau mir das Gestern klarer an. Wer war die kleine Susann, was hat sie gerne unternommen? Neulich habe ich mit meiner Mutter telefoniert. Sie lachte und erzählte mir von meiner Kindheit. Wie gerne ich draussen unterwegs war bis die Glocken sechs Mal läuteten. Wie ich es liebte: Zu singen, zu tanzen, zu malen oder Geschichten zu schreiben...

Nächste Woche ist der erste Check beim Hausarzt mit Blutkontrolle. Am 12. Mai folgt dann die erste engmaschige Nachsorge beim Gynäkologen. Das Prozedere erwartet mich die nächsten drei Jahre, nennt sich, intensive Nachsorge. Ich bin gespannt - nicht entspannt. 

Ein schönes Wochenende wünsche ich Euch allen -  in Bayern werden am Montag die Maibäume aufgestellt. Was für ein Spektakel. Die Freinacht zuvor nicht zu vergessen - hütet das Hab & Gut von Sonntag auf Montag. Vor allem Eure Autos 🚗.

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Kommentare: 1
  • #1

    Conrad (Donnerstag, 04 Mai 2017 10:06)

    Hey darling, sorry to hear about the hard times, you've had so many. I hope and wish all will be well soon​.
    Thinking of you often. Miss your smile

Supergirls don't cry! Aber manchmal weinen sie! Sie schluchzen und müssen auch ins Tal der Tränen! Denn da muss man manchmal hin, damit das für die alte Seele auch erträglich ist! Es ist wie ein Hamam, danach kommt man butterweich und gefestigt zurück.