#52 Schätze dich

Es gehört zu den traurigsten Bedingungen, unter denen wir leiden, uns nicht allein durch den Tod, sondern auch durch das Leben von denen getrennt zu sehen, die wir am meisten schätzen und lieben und deren Mitwirkung uns am besten fördern könnte. (Johann W. Goethe)

Am 19. Juni jährt es sich ein viertes Mal. Der Todestag meines Ziehvaters. Ach Papa. Wie dankbar bin ich, wenn ich von dir träume. 
Du warst mein Vorbild, mein Lehrer und Coach. Du hast mich aufgezogen. Stärken gefördert, Schwächen gemindert und ich danke dir dafür.
Mögest du erfüllt und beschwingt durch die Lüfte fliegen.

Ich reflektiere viel und scheine eine nächste Phase zu durchlaufen. Ich habe noch keinen Namen dafür gefunden. Vielleicht der Weg zum Ich?
Auf einer Skala von 1-10 bin ich in der zweiten Hälfte nun angekommen. Meine Haut wird rosiger, Wimpern und Augenbrauen wachsen. Auch mein Haar wird dichter. Seit Juni traue ich mich ohne Paula raus. Anfangs hatte ich Bedenken, mittlerweile schaffe ich es durchzuhalten.
In meinem Stadtviertel, im Westend, reagieren die Menschen recht unterschiedlich. Positives Feedback heisst lächeln und mich grüßen. Negative Reaktionen wie glotzen, gaffen oder wegschauen ist die andere Seite der Medaille. 
Es sollte mir egal sein...

Am 6. Juni entscheidet der Wundarzt, ob ich am 11. Juli zur Rehabilitation fahren kann. Da ist kein Gefühl von meiner Seite. Mehr ein Achselzucken. Wenn der Termin steht, dann wird auf der Reha entschieden, wie es weiter geht. Bis dahin, versuche ich cool zu bleiben!
                         
Ich war bei der Tanztherapie im Mai und Juni. Es gefällt mir sehr zu tanzen. Dort kann ich mich fühlen. Mittels der Musik und Bewegung gelange ich an meinen Kern heran und spüre mich. Manchmal ist es angenehm, ein anderes Mal wiederum recht beschwerlich. Tränen kullern immer noch. Und ich dachte, ich bejubele ab sofort das Leben? Aber so simple ist es nicht. Da sind halt Erwartungen, die nicht erfüllt wurden. Dogmen eben. Glaubenssätze.                                                                 

Danke fürs Foto, Knud!

Ich könnte unentwegt reisen, oft frage ich mich wovor ich fliehe. Ich bin ruhelos zur Zeit. Ich brauche jemanden, der mich hält und sagt: "Susann, bleib. Bleib hier bei mir." Es ist alles gut. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende.

Das Radiointerview ist fertig. Es wird am 13. Juni zwischen 12-14 Uhr auf Bayern 2 ausgestrahlt. Ein Podcast gibt es im Nachgang. Ich darf vorher nicht reinhören.

Wir bekommen Zuwachs in der Familie, ich werde das erste Mal Tante. Ein schönes und neues Gefühl ist das. Ja, ich freue mich, sehr sogar.

Ich bin die Ältere von uns. Aber nun wird meine kleine Schwester Mutter. Ist doch unwichtig, wer zuerst dran ist. Mensch, ich lebe. Ich habe um mein Leben gekämpft. Das hat viel Kraft gekostet. Ich brauche noch Ruhe und Seelenheil nach den Strapazen. 

Tausend Küsse nach Berlin!

Wir sind für nichts so dankbar, wie für Dankbarkeit. (Marie Freifrau von Eschenbach)

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Kommentare: 5
  • #1

    Tobi (Sonntag, 04 Juni 2017 10:58)

    Ich durfte ihn kennenlernen - damals in Dresden! Er war wirklich ein ganz besonderer Mensch - ich mochte ihn sehr....

  • #2

    Susanne (Montag, 05 Juni 2017 16:38)

    Ach ja, die Haare...
    Ich erinnere mich gut an diese starrenden Blicke. An die fallenden Kinnladen. An den Pizzafahrer, der zu seinem Kollegen "Meine Fresse, was war DAS denn?" sagte, nachdem er mich sah. Ich vergesse nie den Vater, der bei meinem Anblick seine Kinder zurückriss, die Leute, die hinter mir Witze über mich machten und wie ich einmal als Nazi beschimpft worden bin.
    Es ist nicht ohne, die Perücke wegzulassen, das klingt echt leichter als es ist... Und Du triffst den Nagel auf den Kopf: "Es sollte uns egal sein."
    Ja, das SOLLTE es... Außerdem sollten wir uns gesund ernähren, wir sollten uns viel bewegen, sollten keinen Stress haben. Wir sollten die Wohnung aufräumen und sollten die Oma anrufen, sollten keinen Alkohol trinken und sollten immer freundlich, höflich und ausgeglichen sein. Wir sollten nicht "Scheiße" sagen, sollten nur Bio-Fleisch essen (wenn überhaupt) und sollten für die Welt-Hungerhilfe sammeln. Wir sollten...

    Weißt Du was?
    Die Liste der Dinge, die ich SOLLTE ist irgendwann in der Chemo in Flammen aufgegangen. Und wenn irgendwer der Meinung ist, mir sagen zu dürfen, was ich alles tun oder lassen S O L L T E... dann werde ich mir dessen Meinung gern und mit aller Aufmerksamkeit anhören. NACHDEM derjenige die gleiche Horror-Chemo durch hat wie ich. Nicht weil es nichts auf der Welt gibt, was schlimmer ist, als meine EC-Erfahrung. Sondern weil man es nur verstehen kann, wenn man es erlebt hat. Irgendetwas "sollte" mir egal sein? - So what. Wenn's mir aber nunmal nicht egal IST?

    Meine Meinung: Wir sind einmal durch die Hölle gegangen. Wir haben es nicht verdient unsere eigenen Grenzen schon WIEDER zu überschreiten, schon überhaupt gar nicht für irgendeine Scheiße, die nicht lebenswichtig ist!!!

    Du gehst manchmal lieber mit Paula vor die Tür? Na dann MACH DAS. Spricht doch nix dagegen, es ist doch DEIN Kopf. Und bedenke eins: Was die Leute dazu sagen, DASS Du manchmal noch Perücke trägst, SOLLTE Dir ja schließlich genauso egal sein... :-)

    In ein paar Wochen wird sich das erledigt haben, versprochen. Dann kannst Du wie ich darüber fluchen, dass die Haare zu lang für "richtig kurz" und zu kurz für "halblang" sind.

    ICH finde ja Du siehst total süß aus mit den kurzen Haaren. ICH finde Du kannst so rumlaufen, Roxette hatte in unserer Jugend btw. auch keine längeren Haare. Aber ICH fand auch die Glatze schön.

    Aber was schreibe ich hier eigentlich ...?... Meine Meinung sollte Dir doch nun wirklich völlig egal sein...

  • #3

    Debbie (Montag, 05 Juni 2017 18:34)

    Tanztherapie ist so etwas Tolles, wie schön dass Du das machst. Ich habe es leider zu spät entdeckt, aber interessiere mich derzeit für ein Seminar über Körperhaltung und Trauma - die Zusammenhänge sind erstaunlich.

    Mir hat übrigens die Reha in "DER" Klinik sehr viel gegeben - ich kann jetzt erst mit Monaten und Jahren Abstand sehen, wie viel - das wünsche ich Dir auch von Herzen.

    Dass Du Dich noch verletztlich fühlst mit so kurzen Haaren, kann ich gut verstehen. Meine "alte" Frisur war eine Identität und ich hatte immer das Gefühl, jeder müsse sehen, dass die kurzen Haare nicht normal sind - nicht "ich" - und so habe ich mich immer exponiert gefühlt. Erst als ich ein Managementseminar besuchte und in der Vorstellungsrunde eine sagte, sie fände meinen "mutigen Kurzhaarschnitt" soooo genial, begriff ich, dass ich gar nicht mehr seltsam auffiel. Noch 1/2 Zentimeterchen und Du fällst höchstens noch durch gutes Aussehen auf ;-) . Die Phase "Haare über Ohren züchten" hat mich allerdings dann einen Haufen Nerven gekostet, da sieht man echt aus wie aus dem Nest gefallen.

    Der Verlust von Eltern tut soooo weh und in so einer Phase noch einmal besonders, ich hatte am Wochenende mal wieder eine Familienfeier ohne meine Eltern und kriege jedesmal wieder die Krise, weil sie mir sehr fehlen.

    Postest Du einen Link zum Podcast? Ich bin gespannt!
    Wir haben ein Jahr nach den Therapien mit dem ZDF zum Thema "Patientenverfügung" gedreht, das war ein spannender Tag.

  • #4

    Conrad (Dienstag, 06 Juni 2017 07:02)

    I'm so proud of you...You're taking this one day at a time and you'll be good, I know it. You're a great human, special to the core.

  • #5

    EMMI (Donnerstag, 15 Juni 2017 05:49)

    .... wer wie Isabella Rossellini aussieht, kann jede Frisur tragen. Erst recht raspelkurze Haare. Du siehst großartig damit aus! :)

Supergirls don't cry! Aber manchmal weinen sie! Sie schluchzen und müssen auch ins Tal der Tränen! Denn da muss man manchmal hin, damit das für die alte Seele auch erträglich ist! Es ist wie ein Hamam, danach kommt man butterweich und gefestigt zurück.