##EE Vom Tod - und vom Schweigen darüber...

Wir werden alle sterben.

 

Jeder einzelne von uns stirbt und wer nicht heute stirbt, dem steht es noch bevor. So sieht's aus.

 

Aber das erstaunliche ist, dass das Aussprechen dieser simplen Wahrheit in unserer Zeit als Zeichen einer depressiven Verstimmung gewertet wird. Denn an den Tod zu denken oder über ihn zu reden, ist angeblich krankhaft, dagegen gibt es dann Medikamente...

 

Ich habe an einer Studie teilgenommen. "Stress aktiv mindern" hieß sie.

 

Es ging darum, die Stresssituation einer Krebserkrankung besser zu bewältigen, wenn man Entspannungstechniken lernt. Tolle Sache, hat mir gut gefallen und viel gebracht...

 

Aber....

 

Es gab immer so Fragebögen zu meinem Befinden. Eine Frage lautete, ob ich in der letzten Zeit vermehrt an den Tod denke? - Dachte ich vermehrt an den Tod??? - Ich war frisch mit KREBS diagnostiziert, ich dachte SELBSTVERSTÄNDLICH mehr an den Tod!!! Ich setzte das Kreuz bei   "JA" und ging zur nächsten Frage. Ob ich auch manchmal daran dächte, selbst nachzuhelfen? - Ich trage die Bilder meiner sterbenden Mutter in meinem Kopf herum und bin WILD entschlossen SO nicht zu enden. Wenn ich dafür in die Schweiz fahren muss - so be it.  Kreuz bei "JA" nächste Frage...

 

Ich füllte den Fragebogen aus, schickte ab und begab mich zum Einkaufen. Später am Tag klingelte mein Telefon. Ein "Abschlussgespräch" wolle man mit mir führen. Ob ich noch "weitere Unterstützung" brauche? - Naiv wie ich bin, antwortete ich strahlend, mir habe die Studie sehr gut gefallen, wenn sie weitere Unterstützung anbieten, würde ich die sehr gern in Anspruch nehmen...

 

Erst nach und nach begriff ich, dass der Anruf eine Form der Krisenintervention war und die Frage nach Unterstützung darauf abzielte, dass man Sorge hatte, ich sei gerade dabei mir das Leben zu nehmen.

 

lustig, oder?

 

Ich hab gelacht und die Dame beruhigt. Dann hat sie auch gelacht und gut. Nett, wie sie sich Gedanken machte...

 

Nur.

 

Sowas ist mir schon häufiger passiert. Anscheinend gelten wir Krebspatienten als so labil, dass man ständig aufpassen muss, dass wir uns nichts antun. Andererseits sind diese Standard-Suizidgefahr-Fragebögen dermaßen pauschal, dass jedenfalls ICH sie nicht ehrlich beantworten kann, ohne die Pferde scheu zu machen...

 

Wollen die WIRKICH, dass man mit einer lebensbedrohlichen Krankheit nicht EINmal an den Tod denkt?

Sollen wir wirklich alle Regelungen und Vorsorgen verwerfen. Nichts planen, nichts überlegen und so tun, als käme der Tag X nie?

 

Ich denke nicht, dass DAS das Ziel ist. Ich denke das Ziel ist viel banaler: Es ist weder ungewöhnlich noch unerwünscht, sowas zu denken oder vorzusorgen. Ungewöhnlich ist nur eins: Dazu zu stehen.

 

Ich werde wohl nachher wieder so einen Fragebogen bekommen. Und ich sitze hier und versuche mich zu entscheiden, ob ich ihn wahrheitsgemäß ausfülle - oder ob ich "einfach" schreibe was die hören wollen...

 

 

Meine Patientenverfügung liegt übrigens in der Kommode im Flur, Schublade rechts oben.

 

Aber macht Euch keine Sorgen. Ich hab beim Schreiben selbstverständlich an etwas völlig anderes gedacht, denke nämlich NIE an den Tod. Nächste Frage?

 

komische Welt...

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Supergirls don't cry! Aber manchmal weinen sie! Sie schluchzen und müssen auch ins Tal der Tränen! Denn da muss man manchmal hin, damit das für die alte Seele auch erträglich ist! Es ist wie ein Hamam, danach kommt man butterweich und gefestigt zurück.