#II In Gesundheit und Krankheit...

Habt Ihr auch das Gefühl, dass es die scheußlichen Zeiten sind,  die das Potential für Wunder in sich tragen?

 

Oder geht das nur mir so?

 

Nun, jedenfalls die Wunder meines  Lebens scheinen die Folgen harter Zeiten zu sein. Wunder, die aus dem Nichts entstanden, während ich am Boden war...

 

Die Geschichte, die ich heute erzählen will, ist eine Liebesgeschichte.

 

MEINE Liebesgeschichte.

Als ich meinen heutigen Mann kennenlernte war ich 21. Und wie es unspektakulärer nicht hätte sein können, begegneten wir uns auf einer Geburtstagsparty. Wir ließen es langsam angehen, ich war ja sowieso zu jung für den Mann fürs Leben; hatte mit Studium und Co sowieso genug Ärger und eine gemeinsame Wohnung solange ich kein eigenes Geld verdiente stand sowieso außer Frage.

So lief alles vor sich hin, bis meine Mutter eines Tages mit einer "Grippe" zum Arzt ging - und mit Todesurteil nach Hause kam.

 

Ich will hier nicht weiter von der Krankheit meiner Mutter berichten, das habe ich hier getan und dies ist ja wie gesagt MEINE Liebesgeschichte.

 

Nach ein paar Tagen wie im Nebel, die ich mit meiner Familie verbrachte, kam irgendwann der Zeitpunkt, wo der Rest der Welt wieder Zutritt hatte.

 

Ich war fürchterlich erkältet an jenem Abend. Fix und fertig. Husten. Schnupfen. Und abgrundtiefe Verzweiflung.

 

Mein Freund kam mich besuchen. Brachte was zu lesen und Hörbücher mit. Und sah nach mir.

 

Was tat ich?

 

- Ich tat nichts.

 

Ich saß einfach nur da und starrte die Wände an.

 

Stundenlang.

 

Viele kennen mich als Quasselstrippe, die ihre unqualifizierte Meinung nie für sich behalten kann (Bei der Gelegenheit: Sorry Leute, ich hoffe echt ich lerne das irgendwann nochmal...) aber das ist nur die eine Seite. Wenn ich mich RICHTIG scheußlich fühle,  ist häufig  nichts als Leere in meinem Kopf. Und dann sage ich gar nichts (Was auch?). In solchen Fällen ist es eine große Kunst mich zum Reden zu bringen. Weil ICH ja der Meinung bin, nichts zu sagen zu haben. Es gibt nicht viele Leute, die diese Kunst beherrschen und die hochgerühmten Profis ertrage ich in SO einer Stimmung schonmal gar nicht.

 

Und so sagte ich an jenem Abend erst einmal nichts oder Synonyme von  "Ich weiß auch nicht" oder "Ich hab nichts zu sagen" und wir verbrachten erstmal eine Stunde mit Tee und schweigen.

 

Mich hat meines Wissens noch nie jemand als Romantikerin bezeichnet (viel zu zynisch, viel zu pragmatisch, viel zu...) aber seit diesem Tag glaube ich es:

 

Liebe verändert alles.

 

Die erste Veränderung war, dass ich in Tränen ausbrach. Ich heulte und heulte und heulte, ich konnte mich gar nicht beruhigen, heulte mich durch zig Packungen Taschentücher, heulte gefühlt über Stunden und nichts half.

 

Nicht nur, dass ich meine Mutter schrecklich vermissen würde.

Nicht nur, dass sie was besseres verdient hatte.

Nicht nur, dass ich getauscht hätte und für sie gestorben wäre, wenn sowas möglich wäre.

Nein, ich fühlte mich dem Ganzen auch einfach nicht gewachsen.

Wirklich nicht.

Konnte das nicht.

Würde sie enttäuschen an ihren letzten Tagen.

Würde nicht zurecht kommen in einer Welt ohne meine Mama, hatte noch eine Million Dinge zu lernen und zu fragen, brauchte sie noch...

Was sollte aus mir werden, wenn sie jetzt starb?

Und wie sollte sie in Frieden ruhen, wenn ich ohne sie nicht klar kam, hier alles versiebte?

Das Beste wäre wirklich, wir würden gemeinsam sterben, noch besser ich an ihrer Stelle, ach wenn doch nur...

Es war bodenlos.

 

Und so heulte ich. Und ich schwieg.

 

Aber natürlich wäre dies keine romantische Liebesgeschichte, wenn ER nicht die seltene Fähigkeit hätte, mich nicht nur zum heulen zu bringen, sondern auch davon zu überzeugen mit ihm zu reden, auch wenn ICH meine es gebe nichts zu sagen:

 

Und so gelang es.

 

"Kann das nicht" sagte ich.

"Was kannst Du nicht?" fragte mein Freund.

"Na alles" sagte ich.

"Was z.B.?" sagte er.

"Na, wen frage ich z.B. bei Ärger mit der Krankenkasse?"

"Deine Schwester."

Ich überlegte und sah ein, dass ich das tun könnte.

"Trotzdem. Wen frage ich, wenn ich das Rezept für Mamas Soße nicht mehr hinbekomme?"

"Deine Tante"

"Wenn ich vergessen habe, wie man einen Pullover strickt?"

"Meine Mutter"

"Was wenn ich nicht mehr weiß, wie man die Heizung entlüftet?"

"Deinen Vater"

"Wenn ich nicht mehr weiß..."

"Deine Freundin"

"Und wenn..."

"Das kann XYZ"

"Und..."

"Dann fragen wir..."

"Und..."

"Ich fahre zu ABC, der kann das..."

"Aber..."

"Da kennt mein Vater jemanden, den rufen wir an..."

usw.

Ich weiß nicht, wie lange wir dort saßen, es fühlte sich jedenfalls wie eine Ewigkeit an.

Ich war in jener Nacht der Überzeugung absolut keinen Handschlag ohne sie hinzubekommen. ALLES falsch zu machen, jeder etwaige Fehler katastrophal, wir brauchten also für JEDE Nichtigkeit jemanden, der mir im Notfall helfen würde.

 

Irgendwann gingen mir die Fragen aus. Er hatte tatsächlich auf jedes "Was, wenn ich xyz nicht auf die Reihe kriege?" einen Vorschlag gewusst.

 

Weil ich sooo allein gar nicht war auf der Welt. Auch wenn es sich so anfühlte...

 

Und dann gab er mir ein Versprechen.

Das Versprechen die Dinge mit mir gemeinsam zu versuchen. Wenn wir sie nicht hinbekämen, machten wir sie halt zusammen falsch. Na und? Wir würden es ZUSAMMEN versuchen. ZUSAMMEN versieben. Und ZUSAMMEN mit dem Ergebnis leben. Es musste nicht alles perfekt sein für uns - wir hatten doch einander? - Gut genug für ihn, wenn's also für mich gut genug wäre...

 

Meine Mutter starb etwa 8 Monate später.

Ich habe zweifellos reichlich falsch gemacht in dieser Zeit. Aber ich bin jedenfalls nicht kreischend geflüchtet, sondern habe versucht den Spagat zwischen Mein-Leben-auf-die-Reihe-bekommen und Bei-meiner-sterbenden-Mutter-sein hinzubekommen.

Ich hatte zweifellos Angst sie zu verlieren. Aber ich habe jedenfalls nicht die ganze Zeit Panik geschoben, sondern habe versucht Prioritäten zu setzen.

Ich war zweifellos unglücklich. Aber ich habe jedenfalls nicht meiner Mutter die Ohren voll geheult, sondern versucht ihr zu sagen, dass ich sie liebe und ihr zu zeigen, dass sie sich keine Sorgen um mich machen muss.

 

Es hätte schlimmer laufen können.

 

Viel schlimmer sogar.

 

Und als ich bei der Beerdigung meiner Mutter saß und heulte und heulte und heulte... da saß ER neben mir. Wie er die ganze Zeit neben mir gesessen hatte. "Wir machen das zusammen." hatte er gesagt.

 

Also machten wir das.

 

Und so stand ich Jahre später in einer winzigen Waldkapelle und dachte an meine Mutter, die nicht dabei sein konnte. Und ich hörte die Worte "In guten wie in schlechten Zeiten. In Gesundheit und Krankheit..." und ich wusste, dass das Eheversprechen nur symbolische Bedeutung hatte.

Ich würde seinen Ring und seinen Namen tragen.

Für Gott und die Welt und für alle, die es interessierte oder anging.

Wir gehören offiziell und untrennbar zusammen er und ich.

Für immer.

Ja.

Aber das war doch nichts neues. MEIN Versprechen hatte ich längst bekommen. Zusammen mit zig Taschentüchern, im Gammelpulli auf dem Fußboden meines alten Kinderzimmers.

 

"Wir machen das zusammen."

 

 

 

Warum erzähle ich Euch das?

 

Mir ist eingefallen, wofür ich die Chemotherapie gemacht habe. DAS war der Grund: Ich wollte noch ein bisschen bei ihm bleiben.

 

Weil das Versprechen lautet "Bis dass der Tod uns scheidet."

 

Und weil ICH hier nicht in die Scheidung einwillige.

 

Ob das Leben nun toll ist oder nicht.

 

Ich sagte es schon: Liebe ändert alles...

 

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