#JJ "Mein Bauch gehört..."

Zu den Dingen, die ich mir vorher nicht überlegt hatte, gehört, dass man bei einer Krebserkrankung die Hoheit über den eigenen Körper verliert. Und damit meine ich nicht die Schwäche und nicht die Nebenwirkungen (Wobei die nun wirklich ätzend genug sind!!!) Nein. Ich meine, dass ich nicht länger selbst entschied, was passierte. Mit mir. Und mit diesem Körper, von dem ich Naivling geglaubt hatte, dass er mir gehört...

 

 

Ich lag im Krankenhaus wegen schlechter Verträglichkeit der Chemotherapie. Ich konnte kaum die Augen offen halten, konnte kaum die Medikamentendosis erfassen und war mehr als ausgelastet mit auf-den-Beinen-halten und nicht-heulen.

 

Irgendetwas war. Ich weiß tatsächlich nicht was. Jedenfalls wurde ein Ultraschall gemacht (Eierstöcke vielleicht?) und irgendetwas war wohl seltsam. Ich habe in schemenhafter Erinnerung, dass ich auf dem Untersuchungsstuhl hing und zig mal die Tür aufging und immer noch ein Arzt und noch einer hereinkam. Ich glaube sie stellten sich mir vor, aber DAS konnte ich nun wirklich nicht so schnell erfassen. Sie redeten irgendwas, ich verstand kein Wort, konnte nicht folgen. Alle wollten tasten, alle wollten ultraschallen, alle stocherten mit ihren Instrumenten in mir herum. Sie redeten untereinander, sagten irgendetwas zu mir - aber bis ich den ersten Halbsatz verstanden hatte, waren sie schon fertig mit erklären und gingen einer nach dem anderen, wie sie gekommen waren. Ich kam auf's Zimmer zurück. Fertig.

 

 

"In einer Chemotherapie werden die Körperfunktionen sorgfältig überwacht." Das klingt wunderbar fürsorglich, nicht wahr?

 

Der gläserne Patient:

 

Blutprobe, Urinprobe, Stuhlprobe, Vaginalabstrich, Abstrich von Mund- und Nasenschleimhaut. Haben Sie gegessen, was und wieviel? Hatten Sie Stuhlgang? Wann und in welcher Konsistenz? Haben Sie getrunken und wieviel? Haben Sie sich übergeben und wie oft? Glauben Sie, dass Sie mehr getrunken als erbrochen haben?

Nehmen Sie Nahrungsergänzungsmittel? Rauchen Sie? Trinken Sie Alkohol? Essen Sie Rohkost, sind Sie Vegetarier, fahren Sie Auto, gehen Sie schwimmen, hatten sie schonmal einen Scheidenpilz? Womit verhüten Sie, verwenden Sie Gleitmittel, sehen Sie Doppelbilder, haben Sie Schmerzen, Schwindel, Nasenbluten? Wie sieht es mit Herzrasen oder Kreislaufkollaps aus? Gehen sie in die Sonne, treiben Sie Sport, fahren Sie UBahn, essen Sie Grapefruit, können Sie schlafen... Die Fragen waren endlos, ENDLOS.

 

Und die Anweisungen waren noch länger.

Ich musste essen mit Gewalt - obwohl ich langfristig gesehen abnehmen sollte.

Ich sollte ein Abführmittel nehmen, von dessen Geruch ich mich übergeben musste, sollte Sport treiben, während ich nicht aus eigenenr Kraft die Toilette erreichte und sollte Dinge ertragen, die jenseits jeglicher Erträglichkeitsgrenze lagen.

und und und und und.

 

So ist es gewesen.

24 Wochen.

 

Naja, was sind schon 24 Wochen, oder? Was tut man nicht alles, wenn's um' s Leben geht?

 

Es ist nur...

 

Ich war 36 Jahre alt und zwar nicht gerade eine Beauty-Queen, aber hässlich sah ich nun auch nicht aus.

 

Lange blonde Haare, schönes Dekoltee, nettes Lächeln.

 

Und wenn mir Anfang 2016 jemand erzählt hätte, ich werde mich bald nackt in einem Raum voll fremder Männer befinden, von denen ich nicht mal die Namen kenne, die aber alle mal Brüste fühlen, alle mal mit irgendwelchen Instrumenten in der Scheide stochern und alle irgendwelche indiskreten Fragen über mich und meine Körperfunktionen stellen wollen, ich hätte demjenigen einen Vogel gezeigt. Hätte hinzugefügt, in diesem unwahrscheinlichen Fall, werde ich die Typen in einer Reihe antreten lassen, ihnen einem nach dem anderen eine runterhauen und dann in aller Ruhe in meine Klamotten steigen und heimfahren.

 

SO war ich.

 

Bis zum Krebs.

 

Ich habe im vergangenen Jahr oft an den Slogan "Mein Bauch gehört mir" gedacht. Und, dass er nicht wahr ist. Dass mein Körper nicht länger meine Privatsache ist.  Die Ärzte haben meinen Körper übernommen und dem Krebs darin einen grauenvollen Kampf geliefert.

Es sieht aus, als hätten sie gewonnen. Und sie haben das für mich getan und ich habe es so gewollt. Danke.

Und trotzdem kann ich heute nicht aufhören zu weinen.

 

Weil mein Körper nicht länger MIR gehört. Weil ich die Rechte abgegeben habe. An irgendwelche Ärzte. In irgendwelchen Kitteln. Deren Namen ich nicht verstanden habe und deren Gesichter im Nebel der Chemo versunken sind und die sich längst nicht mehr an mich erinnern....

 

Aber, wie soll denn jetzt ein Körper denen gehören, wenn sie sich nicht einmal an ihn erinnern, ja ihn nicht einmal haben wollen?

 

Das geht doch gar nicht!!!!

 

Aber wem gehört der Körper dann?

 

Dem Krebs nicht?

Dem Arzt nicht?

Ob ich ihn wieder haben darf? Second-hand quasi? So jedenfalls bis auf weiteres, bis irgendetwas passiert, wodurch ich die Herrschaftsgewalt wieder abgeben muss? Und will ich das? Jetzt, wo ich weiß, dass er mir quasi nur geliehen wäre, bis zum nächsten Mal... ? ...

 

Ich bin mir nicht sicher und so scheint es, als sei der Körper jetzt "herrenlos". Er gehört niemandem, jeder der möchte, kann ihn sich nehmen und damit machen was er will...

 

Aber, Halt, eins noch:

Könntet Ihr ihn gut behandeln, bitte? Ich habe ihn sehr geliebt. Damals. Als ich noch glaubte, es sei MEIN Körper....

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Kommentare: 2
  • #1

    Debbie (Donnerstag, 24 August 2017 15:22)

    Oh das hatte ich auch so satt. Am Schlimmsten waren für mich die "Fremdkörper" am und im Körper: der Port, Kanülen, Drainagen... die habe ich zutiefst gehasst und sie haben mir Alpträume bereitet. Als der Port rauskam habe ich vor Freude geweint und meinem Mann gesagt: Selbst wenn ich in 3 Tagen wieder einen neuen Port bräuchte - die drei Tage waren es wert. MEIN Körper, kein Plastikkästchen mehr unter der Haut. Narben sind nicht so schlimm: die gehören ja mir.

    Die einfühlsamste Ärztin war übrigens meine Zahnärztin ein Jahr nach Therapieende "Ich würde hier gerne noch..." Als ich antwortete "Sorry, ich möchte das derzeit nicht, es ist genug an mir gemacht worden, ich brauche Pause." konnte sie es voll verstehen und sagte "In Ordnung, dann in 1 oder 2 Jahren, sagen Sie ab wann es für Sie gut ist."

    Übrigens hasse ich da dieses: "Ziehen Sie sich schon mal aus und gleich kommt...." und gleich ist ein seeeeeehr dehnbarer Begriff in den Arztpraxen.

  • #2

    Tanja (Freitag, 08 September 2017 19:37)

    Totale Fremdsteuerung.
    Grauenvoll.
    Ich bin mir sicher, dass ich in vielen Situationen heute anders reagieren würde.

    Bestimmte Medikamente würde ich schlichtweg verweigern. Dieses fürchterliche Zeugs (an dessen Namen ich mich nicht erinnern kann (fuck Chemohirn)), das es gegen die beschissenen Leuko-Werte gab und von dem ich solche Schmerzen bekam, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte. Warum habe ich es nach der letzten Chemo noch mal spritzen lassen? Ich musste doch gar nicht mehr fit genug für eine nächste Chemo sein...???
    Keine eigene Meinung mehr damals. Und auch keine Kraft um sie durchzusetzen...

    Ich wollte auch so schnell wie möglich den Port loswerden. Der frühest mögliche Termin war drei Wochen nach der letzten Chemo. Früher wollte die Chirugin ihn nicht entfernen. Wieder ein Schritt zurück zur "alten" Tanja.

    Um den Körper wieder zu MEINEM Körper zu machen, habe ich seitdem mehrere Tattoos stechen lassen (Hatte vorher schon zwei). Das bin ich . Das ist mein Körper. Das wollte ich. Das war Selbstbestimmung. Vielleicht naiv, aber es hat mir geholfen.