#70 Bauchgefühl

Weihnachten naht. Trubel, viel Essen, der Drang es heimelig zu machen. Zeit für Familie, Freunde und Bekannte. Reflektieren. Lachen. 
Feiern mit Kollegen, Wiedersehen mit Exkollegen. Besinnung. Kerzenschein. Erinnerungen. Reden. Zuhören. Erzählen. Wunschlisten. Kirche. Märkte. Geschichten. Geschenke. Begegnungen mit Fremden. Lächeln. Liebe. Der Drang etwas Gutes zu tun. Hoffen. Inspirieren. Stade Zeit.

Ich wäre am 11.12. auf Kur verfahren. Ich wäre seit zwei Wochen auf Chemo in Tablettenbasis. Bin ich nicht, beides nicht. 
Es gab Veränderungen.

Der Grund ist ein Wort. Therapieänderung
Das Auslöser heißt Bauchgefühl. Es folgten Tage der Warterei, Entscheidungen, Tränen 😭verbunden mit Glück und Dankbarkeit 🙏 .

Wie soll ich es erklären? Mein Gefühl hat nicht gepasst, daher bin ich in Rücksprache gegangen. Es fanden diverse Gespräche mit Medizinern statt und dann kam es zu einem neuen Plan. Final passt das Gefühl wieder und ich bin mit Hoffnung und Frieden erfüllt.

Die Chemotherapie wird intravenös sein. Etwa drei Monate dauern und aus 4-6 Zyklen bestehen. Es wird eine Polychemotherapie sein, in dem Fall mehr als ein Stoff - den ich erhalte. Ein Zyklus beinhaltet zwei bis drei Besuche in der Praxis und dauert drei Wochen an.

Ich habe diesmal die Möglichkeit von zu Hause aus zu arbeiten, wofür ich sehr dankbar bin. Aufgrund der schnellen Wiedererkrankung nach eineinhalb Jahren stehen mir noch zwei Monate Krankengeld zur Verfügung. Danach falle ich in die Arbeitslosigkeit. Insgesamt hat der Bürger Anspruch auf 18 Monate Krankengeld. 
Sollte in drei Jahren die selbe Erkrankung wieder auftreten, zählt das in die Berechnung rein. Hätte ich was anderes, beginnt das Ganze neu. 
Da ich beim ersten Mal mit 12 Monate Krankschreibung, Reha sowie Wiedereingliederung 15 Monate Krankengeld gebraucht habe, sind mir nur drei Monate übrig geblieben. Mit der erneuten Op im August diesen Jahres war ich einen Monat zu Hause. Damit bleiben noch zwei Monate. Aus diesem Grund versuche ich weiterhin zu arbeiten, so gut es geht. An Tagen, wo mir das Arbeiten nicht möglich erscheint, werde ich mich krank melden. Ich hoffe, dass der Plan so umsetzbar ist. Unter Therapie werde ich im Hier und Jetzt sein. 

Die letzte Chemotherapie fand Im Februar 2017 statt. Diesmal heißt die Kombination Gemcis, dies sind für mich zwei neue Stoffe. Ein Stoff heißt Cisplatin und gehört zu den Platinen, das kenne ich von Carboplatin.
Es ist eine übliche Chemo, die auch bei anderen Krebserkrankungen gegeben wird. Polychemotherapien greifen die einzelnen Zellen von verschiedenen Seiten an, daher sind sie stärker.

Die Therapie ist anstrengend für den Körper. Die Nebenwirkungen, die meistens aufkommen, sind Müdigkeit, Übergeben, schlechtes Blutbild, fallende Leukozyten und eine hohe Infektionsgefahr. Die Haare können ausfallen, müssen sie jedoch nicht.

Derzeit bereite ich alles im Büro und Haushalt vor, so gut es geht. Die Arbeit lenkt mich ab. Zu Hause besorge ich mir Medikamente: Kortison gegen Schmerzen, Ibuprofen, Novalgin, MCP im Falle des Übergebens und weiterhin Enantone, die Spritze zum Schutz der Eierstöcke. Ich bin sehr froh, dass ich damit begonnen habe. Am Wochenende wird vorgekocht. Meine Mutter hat mir ein Rezept für eine Kraft-Suppe geschickt, diese werde ich umsetzen.

Diesmal wird die Chemo in einer onkologischen Praxis stattfinden, im Falle, dass es alleine und zu Hause nicht geht, kann ich mich ins Krankenhaus begeben. Ich bin aufgeregt und ich hoffe, dass ich gut durchkomme. Danke an meine lieben Freunde, die mich in dieser Zeit unterstützen. Ich wüsste nicht, was ich ohne Euch mache. 
Danke an meine Familie, die mir ihre Schulter bietet.

Die Reha findet im nächsten Frühjahr statt. Dann gibt es ausreichend Gründe, Körper und Geist wieder aufzubauen. 🙂

Das Jahr 2018 war ein intensives Jahr. Die Reisen nach Island, Israel, Paris und Sylt waren etwas ganz besonderes für mich. Disneyland ein Kindheitstraum, den ich verwirklichen konnte.
Der Teil der Alpenüberquerung in Trentino hat mir gezeigt, was ich schaffen kann. 
Mittlerweile verstehe ich immer mehr, dass das Auf und Ab im Leben einfach dazugehört. Dass ich daraus lerne und an Herausforderungen wachse. 

In letzter Zeit denke ich oft an das Gedicht von Charlie Chaplin. Es berührt mich so sehr. 

Das Gedicht wurde  vorgetragen an seinem 70. Geburtstag am 16.04.1956 - seht selbst:

Als ich begann mich selbst zu lieben, erkannte ich, dass Schmerz und emotionales Leid nur Warnzeichen dafür sind, dass ich dabei war gegen meine eigene Wahrheit zu leben. Heute weiß ich, das ist Authentizität.


Als ich begann mich selbst zu lieben, habe ich verstanden, wie sehr es jemanden verletzen kann, wenn ich versuche ihm meine Wünsche aufzuzwingen, obwohl ich wusste, dass es nicht der richtige Zeitpunkt war und die Person nicht bereit dafür war, obgleich ich selbst diese Person war.

Heute nenne ich es Selbstachtung.


Als ich begann mich selbst zu lieben, habe ich aufgehört, nach einem anderen Leben zu verlangen, und konnte sehen, dass alles, was mich umgab, mich einlud zu wachsen.
Heute nenne ich es Reife.


Als ich begann mich selbst zu lieben, habe ich verstanden, dass ich in jeder Lebenslage,  zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin und alles geschieht im absolut richtigen Moment. Also konnte ich ruhig sein. Heute nenne ich es Selbstvertrauen.


Als ich begann mich selbst zu lieben, hörte ich auf, mir meine eigene Zeit zu stehlen und ich hörte auf, riesige Projekte für die Zukunft zu entwerfen. Heute mache ich nur das, was mir Wonne und Freude bereitet; Dinge, die ich liebe und die mein Herz zum Lachen bringen. Und ich tue sie auf meine eigene Art und Weise und in meinem eigenen Rhythmus. Heute nenne ich es Einfachheit.


Als ich begann mich selbst zu lieben, befreite ich mich von allem, was nicht gut für meine Gesundheit ist, von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen und von allem, das mich hinunter zog und weg von mir selbst. Anfangs nannte ich diese Haltung gesunden Egoismus. Heute weiß ich, es ist Selbstliebe.


Als ich begann mich selbst zu lieben, hörte ich auf, zu versuchen immer recht zu haben, und seit dem habe ich mich weniger geirrt. Heute habe ich entdeckt, das ist Bescheidenheit.


Als ich begann mich selbst zu lieben, weigerte ich mich weiter in der Vergangenheit zu leben und mich um die Zukunft zu sorgen. Jetzt lebe ich nur für den gegenwärtigen Moment, in dem alles geschieht. Heute lebe ich jeden einzelnen Tag, Tag um Tag, und ich nenne es Erfüllung.


Als ich begann mich selbst zu lieben, da erkannte ich, dass mich mein Verstand durcheinanderbringen und krank machen kann. Aber als ich ihn mit meinem Herzen verband, wurde mein Verstand zu einem wertvollen Verbündeten.
Heute nenne ich diese Verbindung Weisheit des Herzens.


Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen, Konflikten oder irgendwelcher Art Probleme mit uns selbst oder anderen zu fürchten. Sogar Sterne kollidieren und aus ihrem Zusammenprall werden neue Welten geboren.

Heute weiß ich: Das ist das Leben!
 





Wenn Weihnachten näher kommt, dann wird es heller in unserem Leben und die weihnachtliche Erwartung, sie ist wie schöne Musik. (Rainer Kaune)

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Kommentare: 1
  • #1

    Sabrina (Freitag, 07 Dezember 2018 20:53)

    Wunderbares Gedicht, wunderbare Gedanken, wunderbarste Frau - hätte von dir sein können, du wunderbare Poetin. ;)

    Du wirst es auch ein zweites Mal mutig meistern und dann ist der Spuk endlich vorbei. Lieb dich