#18 Lieber guter Weihnachtsmann

Lieber guter Weihnachtsmann, schau mich nicht so böse an, ich will auch immer artig sein, drum stecke deine Rute ein. (unbekannt)

Es ist Zeit zu wünschen, oh schöne Weihnachtszeit und es ist Zeit zu verzeihen.  Ich möchte so gerne verzeihen und ich wünsche mir in Frieden zu leben, im Jetzt und mit meinen Mitmenschen. Hass, Streit und Betrug sind keine Lösung für ein glückliches Leben. Verzeiht, für Fehler die ich gemacht, für Worte die ich gesagt...ich hatte meine Gründe und ich habe nur das eine Leben.

Seit dem Retreat habe ich viele Erinnerungen an meine Kindheit, an unseren Kachelofen, meinen blauen Puppenwagen, mein erstes blaues Fahrrad mit drei Jahren, an die Glocke, die Heilig Abend stets erklang, an selbstgemachten Karoffelsalat mit Wiener Würstl und Bautzner Senf und an ganz viel Schmusen mit der Uromi. An wunderschöne Märchenfilme, an Weihnachten in Familie, an Umarmungen und an den 🎅 Weihnachtsmann, wenn er im Wohnzimmer bei uns stand. "Ho, ho, Ho. Bist du denn auch brav geblieben?" 

Ich habe die zweite Taxol drin und plane meinen ersten Urlaub nach der Chemo. Ich erfahre erst Ende Januar, ob ich einige Tage nach Spanien kann. Wäre super nach der Chemo eine Zeit in den Süden zu fliegen... ich liebe ja das Reisen, für mich ist das immer wieder mein Elixier.

Das Chemozimmer wurde fertig dekoriert, so schöne Frauen, die da nun an der Wand hängen und mit oben ohne lächeln. Ich gebe meine eigene Auswahl dann nächste Woche ab. Die Patienten sind hin und weg davon und ich finde gleich, dass die Atmosphäre so viel schöner wirkt. Das war wirklich eine tolle Idee von den Chemoschwestern. Vielleicht schauen Nina und die Schirmherrin von Nana ev. in der nächsten Woche vorbei um das Ergebnis zu bewundern.

Made by Nana ev - recover your smile.

Ich möchte Euch heute eine kleine Geschichte erzählen. Mit neun Jahren hatte ich eine Nebenwirkung auf Penicillin bekommen, nach Quaddeln am ganzen Körper und sehr hohen Blutdruck kam anschließend noch eine Lungenentzündung im Krankenhaus dazu, so dass ich viele Tage und Wochen in der Klinik verbrachte, auch einen Teil von Weihnachten. Mein damaliges Zimmer war hinter einer Scheibe mit Vorhang, das war ein Spielzimmer für sehr kranke Kinder - ich konnte von meinem Bett auf die Kinderkrebsstation schauen. Ich fand dort einen Freund, er hieß Thommy und saß in einem Sportwagen an der Scheibe und schaute aus dem Fenster. Jeden Tag wurde er von den Schwestern zum selben Platz geschoben.
Er war sehr hübsch trotz Glatze, seine Augen waren himmelblau und wirklich groß. Ich fragte ihn wie alt er ist und warum er in einem Kinderwagen sitzt. Er sagte mir, er sei 10 Jahre alt und der Sportwagen wäre bequemer als ein Rollstuhl. Thommy hatte Krebsendstadium, er litt an akuter Leukämie. Damals sprachen wir zwei Wochen bald den ganzen Tag. Er saß immer in seinem Wagen und ich lag oder saß in meinem Bett an der Scheibe. Wir lachten, wir sangen, hielten die Hand an die Scheibe, machten Schattenspiele, schwiegen oder lächelten uns an. Als eines Tages meine Eltern bei mir zu Besuch waren, bekam ich einen schweren Astmaanfall. Daraufhin musste ich in die Notaufnahme und schlief 14 Stunden am Stück mit Wache am Bett. Thommy als auch meine Eltern waren sehr besorgt. Ich hatte den Astmaanfall provoziert, da meine Eltern vor mir gestritten haben und ich Liebe und Aufmerksamkeit forderte...danach schämte ich mich und schmoll, das gab viel Ärger.
Zumindest Thommy war mir nicht böse, er verstand es und erzählte mir, dass er sich so auf Weihnachten zu Hause freue, dass seine Eltern tolle Überraschungen planen und was er alles so anstellen mag, Ich freute mich mit ihm, Weihnachten kam - die Clowns kamen bei Thommy und mir auf der Station vorbei und bespassten uns und ich fühlte mich nach und nach wohler. Irgendwann sah ich Thommy nicht mehr und ich dachte mir, dass er vielleicht schon zu Hause ist und all die tollen Überraschungen erlebt. Dann klopfte es an der Tür, Thommy's  Mutter kam zu mir und setzte sich an mein Bett. Sie hielt meine Hand und schluchzte, ihr langes schwarzes Haar trug sie offen und blickte nach unten. Mein Freund Thommy war verstorben und konnte leider nicht mehr mit nach Hause um all das Schöne zu erleben. Seine Mama dankte mir von ganzen Herzen, dass ich für ihn da war, er hat so oft von dem Mädchen hinter der Scheibe erzählt. Wie wir lachten, Späße machten und auch uns anschauten, schwiegen und uns immer wieder gegenseitig Kraft gaben. 
Mit 12 Jahren habe ich einen Aufsatz darüber geschrieben, der Aufsatz hatte die Überschrift: Thommy. Ich habe seitdem nie wieder einen Asthmaanfall vorgetäuscht und auch gerne Weihnachten zu Hause verbracht. Thommy hatte mir gezeigt, was Liebe ist. Diese Geschichte hat mich nie losgelassen.
 
Ich wünsche Euch allen ein friedvolles und glückliches Weihnachtsfest, dass Ihr einander mit dem Herzen anschaut und versucht in die selbe Richtung zu blicken, egal wie schwer es manchmal auch ist.


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Kommentare: 5
  • #1

    Conrad (Mittwoch, 30 November 2016 04:37)

    A beautiful story, I'm so enraptured by the writing, Thommy sounds like a beautiful soul. The picture of you is stunning, you are really more beautiful every day. Shining eyes and soul as always.

  • #2

    Stefanie (Samstag, 03 Dezember 2016 21:09)

    Wunderbare Zeilen, die mich zu Tränen rühren. Das zeigt mir wieder, worauf es im Leben wirklich ankommt. Danke

  • #3

    Susanne (Montag, 05 Dezember 2016 17:31)

    Ich finde die Thommy-Geschichte liest sich wie die Metapher einer Krebstherapie.
    Man liegt dumm rum und tut praktisch nichts.
    Aber diese Untätigkeit schärft die Wahrnehmung und zeigt uns klarer, was "hinter der Scheibe" passiert.

    Und so trifft man unglaublich tolle Menschen. Viele beeindruckende Persönlichkeiten. Und man entwickelt in kürzester Zeit eine unwahrscheinlich enge Bindung. Was wird aus diesen Menschen und Bindungen zu ihnen werden, beim Versuch zurück zu kehren, in das Leben "hinter der Scheibe"?
    Manche werden es schaffen.
    Manche werden zurück bleiben.
    Manche werden leben.
    Manche werden sterben.

    Keiner weiß wer von uns zu welcher Gruppe gehören wird...

    Sicher ist nur eins: Solche Begegnungen prägen. Für's ganze Leben. Und wir werden für immer eine Erinnerung an diese besonderen Menschen mit uns führen. Weil wir ohne sie nicht geworden wären, wer wir sind.

    "Menschen begleiten uns eine Weile. Manche bleiben für immer. Denn sie hinterlassen Spuren in unseren Herzen."

  • #4

    Lia (Freitag, 09 Dezember 2016 18:23)

    fragt die Liebe die Freundschaft "wofür gibt es dich, wenn es doch mich gibt?"
    Antwortet die Freundschaft "um dort ein Lächeln zu bringen, wo du eine Träne hinterlässt...!"

    Ich wünsche Dir, liebes "Eulchen" eine wunderschöne Weihnachtszeit, besonders viel Kraft und Lebensfreude für Deinen kommenden Weg. Und wenn Du mal eine Pause brauchst, steh' ich am Wegesrand... ;-)

  • #5

    Lia (Freitag, 09 Dezember 2016 18:30)

    P.S. Conrad hat Recht: Du siehst wirklich gut aus, Deine Augen kommen sehr schön zum Vorschein. Wäre die Geschichte nicht so tragisch, könnte man sagen, du hast dich zum Positiven verändert...